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Landärztin
„Vom Wespenstich bis zum Hirntumor“

Das Team feiert Jubiläum: Vor einem Vierteljahrhundert eröffnete Karin Harre (rechts) ihre Praxis für Allgemeinmedizin in Walsleben.  Seit 1996 ist sie am jetzigen Standort. Heute feiert sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Ines Boddin, Yvette Kronpa, Conrad Staeck und Diane Preuss (von links) sowie einigen Gästen.
Das Team feiert Jubiläum: Vor einem Vierteljahrhundert eröffnete Karin Harre (rechts) ihre Praxis für Allgemeinmedizin in Walsleben.  Seit 1996 ist sie am jetzigen Standort. Heute feiert sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Ines Boddin, Yvette Kronpa, Conrad Staeck und Diane Preuss (von links) sowie einigen Gästen. © Foto: Brian Kehnscherper
Brian Kehnscherper / 16.11.2018, 18:14 Uhr
Walsleben (MOZ) Karin Harre feiert heute ein Jubiläum: Vor 25 Jahren hat sie ihre Praxis in Walsleben eröffnet. Dabei hatte sie eigentlich nicht vor, auf dem Dorf zu praktizieren.

In gewisser Weise ist es Horst Seehofer zu verdanken, dass Karin Harre Landärztin in Walsleben wurde. In seiner Zeit als Gesundheitsminister brachte der CSU-Politiker Anfang der 1990er-Jahre ein Gesetz auf den Weg, dass die Zahl der Kassenärzte begrenzte. Die letzte Frist, um eine eigene Praxis zu eröffnen, war der 1. Oktober 1993. Anschließend konnten Mediziner nur noch bereits bestehende Praxen übernehmen. Harre, damals 33 Jahre alt und hochschwanger, wollte unbedingt eine eigene Praxis eröffnen. Da sie selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen war, dem niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld, zog es sie wieder in die Provinz. „Neuruppin hätte ich gut gefunden. Aufs Dorf wollte ich eigentlich nicht“, sagt die Ärztin rückblickend. Denn vor dem Job als Landarzt habe sie sich gefürchtet: „Ich dachte, pausenlos holen die Patienten mich nachts um 3 Uhr aus dem Bett.“ In der Fontanestadt fand sie aber keine bezahlbare Immobilie. Also fragte sie den damaligen Inhaber der Walslebener Praxis, Dr. Wolfgang Schumacher,  ob sie mit ihm eine Gemeinschaftspraxis gründen kann. „Er konnte sich dazu aber nicht entschließen“, erinnert sich Harre. Also befolgte die junge Ärztin den Rat ihres Vaters und baute die Garage auf ihrem Grundstück in Walsleben aus. Pünktlich zum Stichtag, dem 1. Oktober 1993, eröffnete sie. Auf lediglich 34 Quadratmetern hatte sie Sprechzimmer, Toilette, Labor und fünf Stühle für die Wartenden untergebracht. Um sich um ihr neugeborenes Kind kümmern zu können, bot sie die Minimalzahl von 15 Sprechstunden pro Woche an. „Das war für mich damals super“, so die 58-Jährige. Als Wolfgang Schumacher im April 1996 in Rente ging, übernahm sie dessen Praxis an dem Standort, an dem sie noch heute praktiziert.

Die ersten Jahre dort waren für Harre anstrengend. Ihre Befürchtung vom Leben eines Landarztes bestätigte sich in jener Zeit zumindest zum Teil. Gemeinsam mit zwei Kollegen war Karin Harre für einen Bereich zuständig, der das Gebiet des heutigen Amtes Temnitz umfasst. Das bedeutete für sie jede dritte Woche Bereitschaftsdienst. Allerdings wurden die Dienste später anders organisiert. Auch Neuruppiner Praxen sichern seitdem die Bereitschaft mit ab.

Das Leben als Ärztin auf dem Land ist für Karin Harre dadurch erheblich leichter geworden. Für sie überwiegen die Vorteile bei Weitem. Vor allem ist der Kontakt zu den Patienten eng, da sie einen festen Stamm hat. „Man kennt viele Leute über Jahre und begleitet sie“, so die Medizinerin. Zum Teil betreut sie ihre Patienten bis ans Sterbebett. Etwa zwei bis drei Personen im Jahr erkranken so schwer, dass Harre sie nur in deren Zuhause behandeln kann.

Viele junge Menschen schreckt das Leben als Landarzt ab. „Sie fürchten, dass es keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt, aber das ist nicht so“, sagt Harre. Sie hat festgestellt, dass angehende Ärzte oft positiv überrascht sind, wenn sie Erfahrung in ihrer Praxis gesammelt hatten. Deshalb plädiert sie dafür, dass junge Mediziner in ihrer Ausbildung mehr aufs Land geschickt werden, um die Arbeit dort kennenzulernen.

Für Karin Harre hat der Beruf des Allgemeinmediziners auch den Reiz, dass so herausfordernd ist. Egal, mit welchen Symptomen ihre Patienten zu ihr kommen, sie muss allein die Entscheidung darüber treffen, was die richtige Behandlung ist. Dabei sei ihr wichtig, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen. „Ich versuche zu verstehen, was dem Patienten wichtig ist, und ihm zu erklären: Wenn er etwas anderes wünscht, entscheide ich mich für die zweitbeste Behandlung.“ Gerade junge Mediziner würden oft dazu neigen, sich durchzusetzen. „Ich versuche nicht, die Leute zu erziehen. Ich will auch keine Vorschriften machen“, so Harre. Zumal auch nicht immer wissenschaftlich erwiesen ist, ob beispielsweise der totale Verzicht auf Zucker gesund ist. Eine Studie, die zu einem solchen Ergebnis kommt, werde einige Monate später von einer anderen widerlegt, laut der Zucker in Maßen doch gut sei. Hinzu kommt für Harre der menschliche Faktor: „Man selbst hat ja auch nicht die Disziplin. Der Mensch ist so. Wenn es nicht mehr wehtut, schlafft es ab.“

Pro Quartal behandelt Karin Harre im Durchschnitt 1 200 Menschen,  die meisten während der Sprechstunde. Hinzu kommen bis zu zwölf Hausbesuche pro Woche. Im Lauf der Jahre hat sie so ziemlich jede Erkrankung behandelt, „vom Wespenstich bis zum Gehirntumor“, wie sie sagt. „Es wird nie langweilig.“ Der wohl exotischste Fall war ein Patient mit Malaria. Eine Kollegin, die in den Ruppiner Kliniken arbeitet, ließ Harre die Blutprobe im dortigen Labor untersuchen. Auch das ist für sie ein Vorteil des Praktizierens in einer ländlichen Region: das unkomplizierte Miteinander unter den Kollegen. „Man kennt sich, man hilft sich“, bringt sie es auf den Punkt. Und da Karin Harre einen festen Patientenstamm hat, kennt sie die medizinische Vorgeschichte der Leute. „Deshalb sind wir so effektiv.“ Das Reizvolle an einer eigenen Praxis sei der Freiraum. „Man ist quasi auch Personalchef für seine Leute. Man muss sich um viel kümmern, kann aber vieles selbst gestalten“, sagt sie.

Dass sie zu Notfällen ausrücken muss, sei nur noch selten der Fall. Mittlerweile gehen die Leute eher in die Notaufnahme, wenn sie etwas Akutes haben. In den Anfangsjahren war das noch anders. Ohnehin seien die Menschen heute allgemein gesünder. Auch die Medikamente seien in den vergangenen 25 Jahren besser geworden. „Damals war man spätestens nach dem dritten Herzinfarkt tot. Heute bekommt man einen Herzkatheter und einen Stent, wird medikamentös eingestellt, und dann ist Ruhe“, so die Ärztin. Gegenwärtig würden psychische Probleme, Stress und Burnout die Menschen mehr belasten. Zudem gebe es weit mehr Diabetiker.

Wie lange sie noch weitermacht, bevor sie in den Ruhestand geht, kann Karin Harre jetzt noch nicht sagen. „Ich will sicher nicht bis 70 arbeiten. Ich merke aber auch, dass ich den Job anstrengender fand, als ich jünger war. Jetzt kommt sicher die Routine dazu, und dass die Kinder groß sind.“ Sie hofft, dass ihre Landarztassistentin nach Ende ihrer Ausbildung mit in die Praxis einsteigt.

Etwas verspätet feiert Karin Harre mit ihrem Team und einigen Gästen heute das 25. Jubiläum ihrer Praxis. Wie ihre Feier aussehen soll? „Essen, trinken, rumstehen – so ein bisschen wie bei einer Praxiseröffnung.“

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