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Funker
Herrenrunde im Äther

Hält Kontakt: Rudolf Simon ist sein ganzen Leben lang schon ein leidenschaftlicher Funker. Der Rheinsberger spricht fast jeden Tagen mit Freunden in ganz Deutschland, die die Freude an diesem nicht ganz alltäglichen Hobby teilen.
Hält Kontakt: Rudolf Simon ist sein ganzen Leben lang schon ein leidenschaftlicher Funker. Der Rheinsberger spricht fast jeden Tagen mit Freunden in ganz Deutschland, die die Freude an diesem nicht ganz alltäglichen Hobby teilen. © Foto: Jürgen Rammelt
Jürgen Rammelt / 31.01.2019, 11:30 Uhr - Aktualisiert 01.02.2019, 09:29
Rheinsberg (freier Autor) Es ist kurz vor 14 Uhr. Wenn er nicht gerade etwas anderes vorhat, ist es die Zeit, zu der Rudolf Simon die Treppe zum zweiten Stock hochsteigt, um in sein Reich abzutauchen. Bei dem Refugium handelt es sich um seine Funkerstube.

Der kleine Raum ist bis unter die Decke mit allerlei Technik und Regalen vollgestopft. Auf einem Tisch liegen ein Lötkolben sowie  diverse Bauteile und andere Bastelutensilien.

„Ich bin gerade dabei, eine Endstufe zu bauen“, entschuldigt sich der Radiobastler für das  mehr oder weniger ungeordnete Chaos. Inzwischen hat es sich der 83-Jährige in einem Drehstuhl bequem gemacht und einen Apparat mit einem winzigen Bildschirm und diversen Knöpfen eingeschaltet. Es ist ein Kurzwellen-Sende- und Empfangsgerät, ein sogenannter Transceiver.

Es dauert nicht lange, da ertönt über einen Lautsprecher auch schon die erste Stimme. Es ist Falko, ein Funkerkollege aus Rathmannsdorf, einem Ort in Sachsen-Anhalt. Der 70-Jährige meldet sich mit seinem Rufzeichen an.  Kurz danach ist die Stimme von Otto (78) zu hören. Dieser ist in der Nähe von Prenzlau zu Hause und ebenfalls ein Amateurfunker. „Bei uns gibt es keine Familiennamen“, erklärt Rudi, wie er kurz genannt wird.

Mit Dieter (77), einem Funker aus Dierhagen an der Ostseeküste, Erwin aus Bad Hersfeld und dem 87-jährigen Bruno aus Bitterfeld ist kurz danach die Männerrunde komplett. Man tauscht sich über das Wetter aus. Überall waren in der Nacht Frostgrade. Aber auch die  Handball-WM, wie der eine oder andere den Tag verbracht hat, selbst die kleinen oder großen Wehwehchen, gehören zu den aktuellen Themen, über die gesprochen wird.

„Wir gehen um diese Zeit immer auf Empfang und Sendung“, sagt Rudolf Simon, der mit zehn Jahren sein erstes Funkgerät selbst gebaut hat. „Es war ein Kristall-Detektor“, erklärt er. Später waren es Radios und immer wieder Funkgeräte, die zuerst mit Röhren und später mit Halbleiter-Bauelementen bestückt waren.

Eigentlich wollte der in der Prignitz geborene Simon den Beruf eines Funkmechanikers erlernen. Aber, da er die Schule nur bis zur achten Klasse besuchte, war das nicht möglich. So wurde er Elektriker, was für sein Interesse an der Funktechnik nicht von Schaden war. Was Simon nicht wusste, eignete er sich im Selbststudium an. Schließlich gab es ausreichend Literatur und Bauanleitungen, die ihm halfen, sein Wissen zu erweitern.

„Doch das ist alles Geschichte“, wiegelt er ab und verrät dabei, dass er als Jugendlicher und inzwischen in Neuruppin wohnend, Mitglied der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) wurde, um seinem Funker-Hobby zu frönen. „Zu dieser Zeit hatte ich kein eigenes Funkgerät, aber ich war Mitbenutzer einer Station der GST“, schildert er die damalige Situation.

Das Hobby hat Rudolf Simon seitdem nicht mehr losgelassen. Auch als er 1961 nach Rheinsberg zog, saß er oftmals bis in die späte Nacht am Funkgerät. Er arbeitete sogar auf einer Sendestation der Post, die sich unweit der Stadt auf dem Krähenberg befand. Inzwischen hatte er auch die Lizenz, um am Amateur-Funkbetrieb teilzunehmen. Zu DDR-Zeiten war das nicht ganz einfach. Immerhin war man über den Äther mit der weiten Welt und auch dem kapitalistischem Ausland verbunden.

Der Funkverkehr wurde damals von der Post überwacht, die auch die Lizenzen und Frequenzen vergab. Vorher galt es, die Vorschriften für den Funkverkehr zu pauken, die internationalen Rufzeichen und Q-Gruppen zu erlernen, und vieles mehr. Rudolf Simons Rufzeichen ist DM4ID. Wenn er sich meldet, dann werden daraus die Worte Delta-Mike-4-India-Delta. „Früher waren das wegen der Verständlichkeit Worte mit drei Silben, aber seit der Wende verwenden wir das Nato-Alphabet“, erklärt der 83-Jährige.

„Mein Funkbetrieb heute findet ausschließlich im Kurzwellenbereich und im Deutschen Raum statt“, berichtet Rudolf Simon. Wenn er sich auf internationales Terrain begeben würde, müsste er der englischen Sprache mächtig sein. Allerdings könnte man sich auch mit jedem Funker mittels der Q-Gruppen, bei denen es sich um die geläufigsten Abkürzungen im Funkverkehr handelt, und unter Verwendung internationaler Redewendungen ebenfalls verständigen, berichtet er.

Das ist zum Glück beim nachmittäglichen Smalltalk mit Erich, Bruno, Pit und Erwin nicht notwendig, denen selbst nach einer guten Stunde der Gesprächsstoff noch nicht ausgegangen ist.  „Funk erhält jung“, tönt es aus der Runde der Amateurfunkrentner. Dass ihr Hobby bald ausstirbt, daran wollen sie nicht glauben.

Wie Rudolf Simon berichtet, gibt es in Neuruppin einen Ortsverein der Amateurfunker, der Mitglied im Deutschen-Amateur-Radio-Club (DARC) ist und  dem 22 Mitglieder angehören. Dort sei jeder, der Lust hat, am Funkbetrieb teilzunehmen, herzlich willkommen. Wer wissen möchte, wie man Amateurfunker werden kann, der sollte sich an einen Funker oder an den Verein wenden.

Funk

■ 1864 veröffentlichte James Clerk Maxwell seine Theorie von der Existenz von Radiowellen.

■ 1886 wurde diese Theorie von Heinrich Hertz bestätigt, indem er elektromagnetische Wellen von einem Sender zu einem Empfänger übertrug.

■ 1895 gelangen Guglielmo Marconi und Alexander Popow mit einem Knallfunkensender über eine Entfernung von etwa fünf Kilometern die erste Funkverbindung.

■ 1900 wurde die erste Sprachnachricht von Reginald Fessenden erfolgreich gesendet. ⇥(kus)

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