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Strittmatter-Lesung
Zeit für Schrift gewordene Gefühle

Las Briefe seines Vaters Erwin Strittmatter: Erwin Berner ist Mitherausgeber des Bandes.
Las Briefe seines Vaters Erwin Strittmatter: Erwin Berner ist Mitherausgeber des Bandes. © Foto: Holger Rudolph
Holger Rudolph / 10.02.2019, 21:00 Uhr
Neuruppin ([]) Den Abschluss der Feierlichkeiten anlässlich des  89. Geburtstages der Dichterin und Schriftstellerin Eva Strittmatter bildete am Freitagabend eine Veranstaltung in der Stadtbibliothek. Vor 70 Zuhörern lasen Strittmatters Sohn Erwin Berner und die mit ihm befreundete Schauspielerin und Liedermacherin Angelika Neutschel aus dem vor drei Wochen im Aufbau-Verlag erschienenen Buch „Du bist mein zweites Ich“.

Es dokumentiert den Briefwechsel zwischen Eva, der 22 Jahre jungen Mitarbeiterin des Schriftstellerverbandes, und dem 17 Jahre älteren, damals schon bekannten und in zweiter Ehe verheirateten Schriftsteller Erwin Strittmatter. Der 1953 geborene Berner ist das erste gemeinsame Kind des Paares. Eva Strittmatter habe selbst vorgehabt, den Briefwechsel zu veröffentlichen, erzählte Berner. Doch sie verstarb am 3. Januar 2011, ohne dass sie dieses Projekt noch umsetzen konnte. Der Sohn, der Mitherausgeber des Bandes ist, wollte die Briefe der Öffentlichkeit zugänglich machen. Doch er musste feststellen, dass die noch zu Lebzeiten der Mutter entstandenen Abschriften viele Auslassungen und Fehler enthielten. Daraufhin habe er die handschriftlichen Briefe der Eltern selbst abgeschrieben, auch wenn das Entziffern oftmals schwierig gewesen sei. Erwin Berner beschränkte sich auf den Zeitraum vom Kennenlernen 1952 bis zur Geburt seines Bruders Matthes 1958.

Als Eva und Erwin sich kennenlernten, war sie noch in erster, sehr kurzer Ehe verheiratet, lebte aber bereits getrennt von ihrem Mann. Sohn Ilja war 1951 zur Welt gekommen. Erwin war in zweiter Ehe verheiratet und lebte in Spremberg. Bei einer Tagung junger Autoren in Berlin trafen beide aufeinander.

Nach einem ersten Treffen am 26. Februar schrieb er ihr, dass er nicht wisse, ob er ihr wirklich schreiben solle. Der Grad ihrer Zustimmung beim Abschied sei nicht gerade ermunternd gewesen. Sie antwortete ihm drei Tage darauf, dass sie eine Suchende sei und noch nicht viel von ihm wisse. Doch sie habe bemerkt, dass er traurig und gütig sei. Dies alles geschah vor knapp 67 Jahren, auf dem Zeitstrahl der menschlichen Geschichte ein Katzensprung. Und doch wirkt die Art der fernmündlichen Kommunikation des Paares sehr viel weiter entfernt. Anstelle von Briefen werden persönliche Nachrichten meist längst per E-Mail, Bildtelefonie, Sozialem Netzwerk oder Messenger-Apps ausgetauscht. Wegen ständiger direkter Verfügbarkeit scheint die Poesie um Gefühle und Befindlichkeiten nur allzu oft auf der Strecke zu bleiben.

Welcher Er würde seine Angebetete heute noch vorsorglich warnen, dass er ein ausgesprochenes Talent habe, die Umgebung unglücklich zu machen, wie es Erwin Strittmatter im März 1952 tat?  Und welche Sie könnte noch frohlocken, dass seine vielen Briefe aus der erst fünfwöchigen Beziehung „mein schönster Besitz“ seien?

Wer die Werke der Strittmatters mag, kann beim Lesen des Briefwechsels nur gewinnen. Wenn es um Evas Kritik am aufkommenden sozialistischen Bonzentum geht, aber auch bei den verschiedenen Ansichten von Eva und Erwin zum Hof in Schulzenhof bei Dollgow. Er schätzte seit 1954 das weitgehend komfortfreie Landleben samt Tierzucht, sie blieb mit den Kindern zunächst in Berlin.(hr)

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