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Prävention
Wirbel um gezielten Alkoholkonsum bei Schülern

Markus Kluge / 27.02.2019, 14:21 Uhr
Ostprignitz-Ruppin (MOZ) Zwei harte Tage liegen hinter Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer. Der Direktor der Salus Klinik in Lindow, in der Suchtkranke behandelt werden, musste sich in den vergangenen Tagen viele Fragen zum Alkoholpräventionsprojekt für Schüler „Lieber schlau als blau“ stellen lassen.

Auslöser dafür war der Bericht einer Boulevardzeitung unter dem Titel „Schüler sollen in der Schule saufen lernen“. Darin beschwerte sich eine Mutter aus Templin über das Angebot, das es seit mittlerweile zehn Jahren in Brandenburg gibt und das von Lindenmeyer und dem Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung entwickelt wurde.

In diesem geht es darum, dass pubertierende 14- bis 16-Jährige nach dem Unterricht und unter Aufsicht sowie Anleitung eine empfohlene Menge Alkohol oder weniger trinken. Wie viel genau, das müssen deren Eltern beim Ausfüllen der Einverständniserklärung ankreuzen. Die Mengen reichen dabei von 0,5 Liter Bier über 0,2 Liter Wein oder Sekt bis hin zu einem doppelten Schnaps.

Seit 2008 haben sich an dem vom Land Brandenburg geförderten Programm mehr als 5 000 Schüler aus ganz Deutschland beteiligt, sagte Lindenmeyer am Dienstag. Pro Jahr seien bisher zwischen fünf und 30 Klassen dabei gewesen. Dabei gehe es im Training nicht darum, den Mädchen und Jungen Alkohol schmackhaft zu machen oder sie vor der Sucht zu bewahren. Sie sollen in der Gruppe, im geschützten Rahmen erste konkrete Erfahrungen mit Alkohol und dessen Wirkungen machen. Denn während des Trainings wird ihre Einschätzung des Atemalkoholpegels mit dem tatsächlichen Wert verglichen. Mit Tests und Aufnahmen können die Schüler zudem selbst sehen, wie sie der Alkohol beeinflusst. Das alles wird in den anschließenden Unterrichtseinheiten in Gruppenübungen systematisch ausgewertet. Die Schüler sollen auf dieser Grundlage eigene Normen entwickeln können, wie sie künftig mit Alkohol umgehen, nach Möglichkeit cool bleiben und lernen Drinks abzulehnen.

Der jetzige Wirbel um dieses bereits etablierte Projekt war laut Lindenmeyer „ein Sturm im Wasserglas“. Eine einzige Mutter, die nicht bei der vorangegangenen Elternversammlung war und lediglich die Einverständniserklärung in die Hände bekam, habe diesen ausgelöst, indem sie sich nicht an die Projektverantwortlichen, sondern an die Öffentlichkeit wandte. Das wiederum führte in einer Pressekonferenz im Potsdamer Gesundheitsministerium zu Nachfragen. Selbst Lindenmeyer musste danach im Frühstücksfernsehen und sogar vor den Kameras eines russischen Fernsehsenders sowie einem Fernsehteam aus Brüssel Rede und Antwort zum Projekt stehen.

Dass es viele Fragen dazu gibt ist Lindenmeyer lange bewusst. „Es ist jedes Mal nicht einfach, Eltern für dieses Projekt zu gewinnen“, räumte er ein. Sie müssen dafür aber zwingend ihr Okay geben. „Wenn ein Schüler das nicht darf, macht er auch nicht mit“, so der Mediziner. Nach dem Training müssen die Eltern auch zu Stelle sein. Sie werden verpflichtet, ihre Kinder abzuholen. Die Schulen stehen laut Lindenmeyer mit diesem Projekt ebenfalls nicht gerne im Fokus der Öffentlichkeit, da sie nicht in Zusammenhang mit Alkohol gebracht werden möchten.

Dabei werde mit dem Präventionsangebot Eltern etwas Arbeit abgenommen. Denn laut Lindenmeyer wird in 80 bis 85 Prozent aller deutschen Haushalte regelmäßig Alkohol getrunken. „Eltern wollen natürlich, dass ihre Kinder erst so spät wie möglich Alkohol trinken“, weiß der Experte. Im Schnitt haben in Brandenburg Jugendliche aber im Alter von 14,3 Jahren schon ihren ersten Rausch. Damit die Mädchen und Jungen wissen, worauf sie sich einlassen, wurde das Präventionsprogramm entwickelt. Können sie sich und die Auswirkungen des Alkoholtrinkens nicht einschätzen, sind ein Sturz im Rausch und Verletzungen vielleicht noch das kleinste Problem. „Es geht darum, dass die Kinder nicht unter die Räder kommen“, erklärt Lindenmeyer. Im Evaluationsbericht des Trainings von 2012 werden darunter unter anderem aggressive Entgleisungen, Unfälle und auch sexuelle Übergriffe verstanden.

„Wenn Jugendliche ein Risiko eingehen, sollen sie das beim Sport im Wettkampf machen, aber nicht mit Alkohol“, betonte Lindenmeyer. Eigentlich seien in diesem Punkt viel mehr die Eltern gefragt. Aber: „Niemand zeigt Jugendlichen, wie man das richtig macht. Das ist in etwa so absurd, wie wenn sie Jugendlichen bis 18 sagen würden: ,Du darfst nicht Autofahren.’ Und am 18. Geburtstag stellt man ihnen ein schnelles Auto vor die Tür“, hatte Lindenmeyer im Frühstücksfernsehen den Vergleich gezogen.

Der Wirbel um das Projekt habe natürlich auch das Gesundheitsministerium etwas aufgeschreckt, das die Trainings fördert. „Wir werden jetzt noch einmal deutlicher darstellen, dass dieses Angebot nicht in der Schule stattfindet“, so Lindenmeyer. Denn dort sei das Trinken von Alkohol natürlich tabu.

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