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Häusliche Gewalt
Wie Kinder vor Gewalt geschützt werden können

In der Praxis würden, sagt ein Experte, von Behörden und Gerichten Misshandlungen von Kindern und Frauen noch viel zu oft ignoriert, heruntergespielt oder verleugnet.
In der Praxis würden, sagt ein Experte, von Behörden und Gerichten Misshandlungen von Kindern und Frauen noch viel zu oft ignoriert, heruntergespielt oder verleugnet. © Foto: dpa
Holger Rudolph / 14.03.2019, 11:00 Uhr
Neuruppin Bei der Fachtagung "Sicherheit geht vor" im Rahmen der Brandenburgischen Frauenwoche ging es am Mittwoch im Festsaal der Ruppiner Kliniken darum, wie Kindern aus Familien mit gewalttätigem Elternteil geholfen werden kann. Unter den 90 Teilnehmern waren Vertreter von Jugendämtern, Frauenhäusern und Polizei sowie Rechtsanwälte und Richter.

Das Hauptreferat "Umgangsrecht versus Gewaltschutzgesetz" hielt Prof. Ludwig Salgo, seit Jahrzehnten auf Familienrecht spezialisierter Rechtswissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt/Main.  Auf der einen Seite stehe das Übereinkommen des Europarates zur Verhütung von Gewalt an Frauen, auch als Istanbul-Konvention bekannt, die seit 1. Februar 2018 gilt. Auf der anderen Seite tue die Bundesregierung so, als ob in dieser Beziehung in Deutschland schon alles bestens laufe. Die Realität sehe anders aus.

In der Praxis würden, so Salgo, von Behörden und Gerichten Misshandlungen von Kindern und Frauen noch viel zu oft ignoriert, heruntergespielt oder verleugnet. In sechs von sieben Fällen ist es laut Salgo der Vater, der gegenüber der Ehepartnerin und/oder Kind/ern zum Täter wird. Nicht verschwiegen werden dürfe aber, dass es auch gewalttätige Mütter gibt.

Die Spätfolgen, unter denen Kinder erst im Erwachsenenalter leiden, sind erheblich. Das gilt auch, wenn sie der Misshandlung der Mutter zusehen mussten, ohne eingreifen zu können und selbst nicht körperlich zum Gewaltopfer wurden. Ängste und Depressionen kommen laut Salgo, der sich auf Ergebnisse einer Vielzahl von Wissenschaftlern berief, sehr häufig vor. Aber auch gesundheitliche Probleme, vor allem mit Herz und Lunge, können Ergebnisse einer solchen schweren Kindheit sein. Zudem besteht unter derart geschädigten Menschen eine erhöhte Selbstmordgefährdung. Jahr für Jahr werden in Deutschland 3,8 Milliarden Euro für die Folgeschäden ausgegeben. Weit besser wäre es, derartige gravierende Missstände zu erkennen und Tochter oder Sohn möglichst früh aus der belastenden Situation zu befreien.

Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sei zwar die konsequente Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche festgeschrieben. Doch es werde tatsächlich noch viel zu wenig getan. Gut wäre es, Programme zur Beratung und Therapie von Tätern aufzulegen, ebenso zum Anti-Aggressions-Training. Familiengerichte sollten in Sorgerechtsverfahren dem gewalttätigen Elternteil solche Angebote dringend empfehlen. Vor allem aber sei das Kind schnell vor dem Gewalttäter zu schützen.

Tatsächlich sei es in vielen Fällen so, dass die stark belastete Polizei oft erst nach Tagen Einsätze wegen häuslicher Gewalt gesammelt an das Sozialamt melde. Die Kinder blieben so unnötig lange einer Gefährdung ausgesetzt. Eine kurze, aber zeitnahe Mail oder ein Fax würden ausreichen, wenn mehr aus Zeitgründen nicht möglich sei.

Dringend nötig sei auch eine in Deutschland nicht vorhandene stetige Fortbildung von Familienrichtern zu Sorgerechtsfragen, empfahl Salgo. Steige doch die Anzahl der Prozesse stetig. Waren es 1991 noch nur 7000 Sorgerechtsentscheidungen, so mussten Gerichte 2017 mehr als 16000 Male Recht darüber sprechen, wo Kinder nach der Scheidung leben sollen.

Salgo geht davon aus, dass das Wechselmodell zwar sehr in Mode, oft aber schlecht für die Kinder ist. Im Wochen- oder Zwei-Wochen-Takt zwischen Mutter und Vater zu wechseln, sei insbesondere dann falsch, wenn der Vater zuvor gewalttätig war. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass von diesem keinerlei neue Angriffe mehr gegen das Kind erfolgen.

Auch Julia Daldrop vom Netzwerk brandenburgischer Frauenhäuser sprach in ihrem Kurzreferat davon, dass Familiengerichte viel zu häufig das Umgangsrecht höher bewerteten als die Gefährdung der Kinder durch mögliche neue Gewalt. Oft würden seitens der Richter die Mütter beauftragt, an sich zu arbeiten, obwohl die Gewalt von ihrem Ehepartner ausgegangen sei. Geurteilt werde nach dem menschenfeindlichen Dogma "Lieber ein schlagender Vater, als gar kein Vater".

Zum Ende der Fachtagung mit Teilnehmern aus ganz Brandenburg fand eine Podiumsdiskussion mit den Referenten statt, bei der die Besucher Fragen zur künftig besseren Vernetzung und Ablaufoptimierung stellten.

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