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Grundbildungszentrum
Eine neue Welt entdeckt

Iris Spad vom Grundbildungszentrum und Christian Schröter mit Büchern und Zeitungen, die Menschen mit geringer Literalität den Einstieg ins Lesen erleichtern sollen.
Iris Spad vom Grundbildungszentrum und Christian Schröter mit Büchern und Zeitungen, die Menschen mit geringer Literalität den Einstieg ins Lesen erleichtern sollen. © Foto: Ulrike Gawande
Ulrike Gawande / 18.06.2019, 19:27 Uhr
Neuruppin (MOZ) An seinen ersten Besuch im Regionalen Grundbildungszentrum des Landkreises Ostprignitz-Ruppin kann sich Christian Schröter aus Radensleben auch nach zwei Jahren noch sehr gut erinnern. "Im ersten Moment war ich nicht begeistert, mir saß die Angst im Nacken." Doch als man ihn höflich begrüßte und die Gruppe  mit maximal acht Lernenden nicht allzu groß war, taute der 52-Jährige auf. "Ich habe schnell festgestellt, dass ich nicht der einzige bin, sondern quasi unter Gleichgesinnten. Ich habe mich hier super aufgehoben gefühlt."

Christian Schröter ist auf den ersten Blick ein typisches Beispiel, stellvertretend für viele Schicksale der 6,2 Millionen Erwachsene in ganz Deutschland, die nur geringe Lese-. und Schreibkompetenzen besitzen: Aufgewachsen in Berlin, schwierige familiäre Verhältnisse, Abschluss der zehnten Klasse an einer Schule für Lernbehinderte, keine abgeschlossene Ausbildung und dann wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen  eine Karriere als Langzeitarbeitsloser. So lesen sich vermutlich auch andere Lebensläufe Betroffener und doch zeigt Schröter mit seiner Biographie, dass es anders gehen kann. Auch wenn ihn der Weg ins Grundbildungszentrum große Überwindung gekostet hat. "Ich hatte Angst, vor anderen zu schreiben."

Offener Umgang mit SchwächeHeute, zwei Jahre später, geht der 52-Jährige, der zeitweise als Maler und Lackierer gearbeitet hat, mit seiner angeborenen Schwäche offen um. Scheut auch nicht davor zurück ein Späßchen darüber zu machen. Er will mit seiner Offenheit anderen Menschen Mut machen: "Ich will sie motivieren, was für sich selbst zu tun. Man muss sich nicht schämen." Wendepunkt in seinem Leben war ein Behördenbesuch, bei dem er seine Schwäche offenbaren musste. Bis dahin war seine Frau, die ehrenamtlich bei der Tafel arbeitet "eine tolle Sekretärin".

Mittlerweile sei sie überaus stolz auf ihn, so Schröter. "Sie war erstaunt und begeistert." Denn der Mann aus Radensleben hat sich in die Kurse des Grundbildungszentrums ordentlich reingekniet. Und auch zu Hause weiter gelernt und mit den kostenlosen Computerprogrammen geübt. "Es gab schwierigere Fälle als mich, aber es war Wahnsinn, wie die an sich rumgerackt haben", bewundert Schröter den Elan seiner Mitstreiter. Man habe sich gegenseitig in der Gruppe, in der es Frauen und Männer gab, motiviert und bei Bedarf auch geholfen. So konnte Christian Schröter sein Niveau von 45 auf 75 Prozent steigern. Und bei der Weihnachtsfeier verblüffte er alle, als er ein Gedicht vor Publikum vorlas.

Ihm ist es wichtig, selbstständig und unabhängig zu sein. Mit dem Bus fuhr er dreimal in der Woche zu den Kursen von Radensleben nach Neuruppin. Lernte von 9 bis 12 Uhr. "Ich wollte mich nicht überfordern", so Schröter, das sei wichtig als trockener Alkoholiker. "Es sind super kompetente Dozentinnen, die sich auf uns eingelassen und Zeit genommen haben." Als dann noch zusätzlich Mathe aufgefrischt wurde, sei "er wach geworden, es hat super Spaß gemacht." Er freue sich, dass es so etwas wie das Bildungszentrum überhaupt gebe. "Man fühlt sich hier verstanden."

Im März erfolgte dann der nächste Schritt: Er bekam eine Stelle im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes im Mehrgenerationenhaus in Neuruppin. Dort ist er jetzt bis 2020 für den "Garten der Sinne" zuständig. "Mein Herz ist aufgeblüht, seit ich dort bin."

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