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Kommunalpolitik
Zwei AfD-Leute, zwei Motivationen

Judith Melzer-Voigt / 11.07.2019, 08:15 Uhr
Neuruppin (MOZ) Dass viele ihrer Wähler Protestwähler sind, wissen Georg Kamrath und Gabriele Köhler. Die beiden konnten für die AfD in die Neuruppiner Stadtverordnetenversammlung und den Kreistag einziehen. Sie wollen nun die nächsten Jahre nutzen, um die reinen Protestler zu Stammwählern zu machen.

Der 33-jährige Kamrath wurde nahe Dresden geboren, hat aber familiäre Wurzeln in Neuruppin. Im Anschluss an eine Lehre im Elektrobereich ging er 2007 zur Bundeswehr. Nach der Wehrpflicht entschied er sich, die Feldwebel-Laufbahn einzuschlagen. "Danach war ich in ganz Deutschland unterwegs", sagt er. Vor rund zwei Jahren verließ er  die Bundeswehr. Seitdem studiert er Soziale Arbeit in Potsdam.  Mit seiner Frau und einer Tochter lebt Kamrath in Neuruppin.

Auch Gabriele Köhler stammt nicht aus der Fontanestadt. Sie wurde in Königs Wusterhausen geboren. Die 61-Jährige hat lange nahe Perleberg gewohnt. Sie ist geschieden und hat drei Kinder. Die heutige Neuruppinerin  hat einen Berufsabschluss im landwirtschaftlichen Bereich und einen aus der Altenpflege. Seit 2002 ist sie Rentnerin.

Seit der Lehre Interesse an Poltik

Ihre Beweggründe, sich der AfD anzuschließen, sind so unterschiedlich wie ihre Lebensläufe: Georg Kamrath interessiert sich seit seiner Lehre für Politik. Mit dem Wahlrecht kam für ihn der Wunsch, mehr über die Hintergründe zu erfahren. "Ich habe mich zu dieser Zeit aber noch nicht politisch engagiert", sagt er. Mit der Arbeit bei der Bundeswehr wurde das Interesse für Verteidigungspolitik größer, mit der eigenen Familie der kritische Blick auf Sozialpolitik. 2018 trat er der AfD bei. "Ich war schon seit einigen Jahren AfD-Wähler und wollte mich gern mehr einbringen", erklärt er. Bei der AfD habe er viele Ansichten gefunden, die er selbst vertritt. Die Forderung nach direkter Demokratie nach Schweizer Vorbild ist eine davon, der Rückzug Deutschlands aus Auslandseinsätzen eine andere.  Auf kommunaler Ebene sprechen Kamrath vor allem die sozialen Themen der Partei an: von preiswerteren Kita-Plätzen bis hin zu besser ausgestatteten Spielplätzen.

"Ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass in der AfD nicht alles böse ist und dass jemand aus der Mitte für die Bürger da ist", sagt der 33-Jährige. Mit den mitunter lautstark propagierten rechten Gesinnungen einiger seiner Parteikollegen möchte Georg Kamrath nichts zu tun haben: "Ich grenze mich klar von Extremismus jeder Art ab", versichert er.  "Wenn bei uns solche Ideen hochkommen, sage ich auch ganz konkret: Nein!" Hinter solchen Einstellung stehe er nicht, sagt Kamrath.

Mitglied seit 2016

Gabriele Köhler kann da nur sagen, dass sie dem zustimmt. Sie ist der AfD beigetreten, "weil ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen kann", sagt sie. Im November 2016 war das.  Sie will erklären, was genau sie damit meint: "Im sozialen Bereich, in sämtlichen Situationen." Kinder kämen hungrig aus der Schule, Rentner müssten Flaschen sammeln, um über die Runden zu kommen, so Köhlers Ansicht. Das sehe sie selbst, wenn sie zu bestimmten Zeiten in der Stadt unterwegs ist. Den Schülern und Senioren müsse es besser gehen und sie müssten eine größere Unterstützung erfahren, meint die 61-Jährige, die selbst seit mittlerweile 17 Jahren von Rente lebt. In der AfD habe sie ein Umfeld gefunden, in dem sie sich wohlfühlt. "Ich habe beschlossen, dass mir das gefällt", sagt sie.

Mit dem Erfolg bei der Kommunalwahl im Mai haben beide Neuruppiner gerechnet. "Aber dass ich so viele  Stimmen in Neuruppin bekomme, hat mich überrascht", so Kamrath. Der 33-Jährige hat das beste Einzelergebnis im Parlament eingefahren. Ihm ist bewusst, dass die Unterstützer  vor allem Protestwähler waren, die weniger ihn und mehr die Partei gewählt haben. "Aber wir werden jetzt durch Kompromissbereitschaft andere von unserer Arbeit überzeugen", so Kamrath.

Er hat einiges auf dem Plan, was er in den nächsten Jahren erreichen möchte: Es soll mehr und bessere Spielplätze in Neuruppin geben. "Hundehalter zahlen hier zwar Steuern, aber wo fließt denn etwas zurück?", fragt Kamrath. Um den Leinenzwang auszugleichen, kann sich der 33-Jährige beispielsweise spezielle Hunde-Auslaufzonen vorstellen, wie es sie in Pritzwalk schon gibt. Die Gebührenzusammensetzung in den städtischen Kitas möchte sich seine Fraktion ebenfalls genauer anschauen. "Kinder sind heutzutage ein Armutsrisiko – und das in Zeiten des demografischen Wandels", so Kamrath.

Gabriele Köhler will sich gegen Kinderarmut einsetzen: Sie kenne Mädchen und Jungen, die "in der Schule ihre Stulle teilen müssen". "Aber ich nenne keine Namen."

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