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Seefestival
Shakespeare mal ganz anders

Gesangseinlage: Bei der Wustrauer Inszenierung von "Was ihr wollt" spielt Musik eine wesentliche Rolle. Julia Fechner spielt die Viola, die in Illyrien strandet, sich als Mann verkleidet und in die Dienste Orsinos gerät, in den sie sich verliebt.
Gesangseinlage: Bei der Wustrauer Inszenierung von "Was ihr wollt" spielt Musik eine wesentliche Rolle. Julia Fechner spielt die Viola, die in Illyrien strandet, sich als Mann verkleidet und in die Dienste Orsinos gerät, in den sie sich verliebt. © Foto: Brian Kehnscherper
Holger Rudolph / 14.07.2019, 23:00 Uhr
Wustrau Theodor Fontane bei "Was ihr wollt"? Nein, sicherlich nicht. Wie hätte er auch als Figur in das 1602 uraufgeführte Werk William Shakespeares gelangen sollen? Wurde der wohl bekannteste Neuruppiner doch erst 1819 geboren. Und doch konnte das Publikum der sehr gut besuchten Wustrauer Seebühne am Freitagabend bei der Erstaufführung der Seefestival-Version des Shakespeare-Klassikers die Figur "Fontane als Narr" erleben.

Der inzwischen 88-jährige Otto Mellies gehört zu den bekanntesten und besten deutschen Schauspielern der Gegenwart. Zuschauer mit DDR-Vita machten mit ihm wahrscheinlich die erste Bekanntschaft als Ferdinand, den er in der 1959er Defa-Verfilmung von Schillers "Kabale und Liebe" spielte. Der Film wurde häufig vor Schulklassen gezeigt. In Wustrau war Mellies ein Narr vom Feinsten, dessen Rolle passend zu "fontane.200" um eine Vielzahl anregender Zitate des Schriftstellers bereichert wurde. Überhaupt war die Wustrauer Version des lustigen Verwirrspiels um die unerfüllte Liebe des Herzogs Orsino (Olaf Hais) zur Gräfin Olivia (Gesine Sand) und das Schicksal des durch Schiffbruch getrennten Zwillingspaares Viola (Julia Fechter) und Sebastian (Sabine Hennig) in seinen gut 100 Minuten Netto-Spielzeit vielfach deutlich anders als das Original. So gab Walter Plathe, ebenfalls einer der ganz Großen in Theater, Film und Fernsehen, einen Sir Toby Rülp, wie es ihn noch nicht zu sehen gab. Mit aufgesetzter roter Säufernase und fast immer einen Rollator mit Urin-Enten schiebend, spielte Plathe herzhaft erfrischend den lebelustigen Alten.

Gesine Sand tanzte und sang als Gräfin Olivia hervorragend. Sie zeichnete auch für die Choreografie des Stückes verantwortlich. Im "Schauspiel mit Musik" wurde tatsächlich sehr viel und auf stimmlich hohem Niveau gesungen. Ob nun beim Kanon "Du Schuft" oder bei weit ins Komische, doch sehr gut ausgereizten Schlager-Adaptionen.

Publikum einbezogen

Alles stimmte. Kein Wunder, dass das Publikum immer wieder sehr viel Beifall spendierte, zum Abschluss sogar mehrere Minuten lang. Einmal mehr setzte das Wustrauer Bühnenbild gekonnt auf Minimalismus. Eine Rundbank mit Palme in der Mitte, ein paar Meter davon entfernt eine Recamiere als Plätzchen für den schmachtenden Orsino. Der einer Intrige zum Opfer gefallene Haushofmeister Malvolio (Tom Quaas) hielt gegen Ende des Stückes nur ein vergittertes Fenster vor sich, welches absolut ausreichend das Gefängnis darstellte. Sehr gut war auch, dass das Publikum immer wieder direkt in die Aufführung einbezogen wurde. Fragen zur Befindlichkeit der Zuschauer sowie Darsteller, die sich ihren Weg auf die Bühne durch das Publikum bahnten, gehören zum besonderen Flair einer Aufführung unter freiem Himmel. Ebenso wie ein Schwarm aus tausenden Staren, die am anderen Seeufer über Minuten hinweg und vom Publikum fasziniert beobachtet, scheinbar zur Choreografie passend, Figuren an den Himmel malten.

Das Wetter hielt. Trotz dunkler Wolken zog kein Gewitter auf. Vielleicht hatten die bei Shakespeare oft wichtigen Götter ein Einsehen und wollten das Spiel, zu dem auch die Gruppe "Horch" mit ihrem Mittelalter-Rock’n’Roll beitrug, nicht stören.

Interview

Gesine Sand, stellvertretende Festivalleiterin

Frau Sand, worauf darf sich das Publikum 2020, im 16. Jahr des Seefestivals, freuen?

Wir haben bereits Ideen. Doch die sind noch nicht so konkret, dass man damit schon an die Öffentlichkeit gehen kann. Wir werden aber mit Sicherheit unserem beim Publikum beliebten Konzept treu bleiben und mit hochkarätigen Künstlern einmalige Theatererlebnisse schaffen, bei denen sich der Alltag für Stunden vergessen lässt.

Zum Abschluss der Saison 2019 wird es am 9. August einen Otto-Reutter-Abend geben. Was ist so faszinierend an dem Komiker?

Das wird Walter Plathes großer Solo-Abend. Er hat seit langem eine besonders innige Beziehung zum Werk des einzigartigen Komikers. Der Kartenvorverkauf zeigt, dass wir die richtige Wahl getroffen haben.

Und wie läuft es mit dem Vorverkauf für die weiteren neun Aufführungen von "Was ihr wollt"?

Sand: Sehr gut. Es gibt zurzeit aber natürlich noch Karten für alle Vorstellungen.

⇥hr

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