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Dennis Scheck: "Fitzeks Bücher schaden Ihrem Gehirn!"

Dennis Scheck las zum 24. Literarischen Bilderbogen in Neuruppin
Dennis Scheck las zum 24. Literarischen Bilderbogen in Neuruppin © Foto: Holger Rudolph
Holger Rudolph / 09.09.2019, 17:39 Uhr
Neuruppin Die Einschätzungen von Literaturkritiker Denis Scheck haben Gewicht. Er gehört seit Jahren zu den Anerkanntesten seiner Branche in Deutschland. Zum Auftakt der 24. Auflage der Reihe "Literarischer Bilderbogen" empfahl Scheck am Sonntagabend im Foyer der Sparkasse am Neuruppiner Fontaneplatz seine Lieblingsbücher und warnte eindringlich vor einigen anderen Werken. 100 Besucher waren gekommen, um von Scheck bei "Vom Schönen, Guten, Wahren und vom Albernen, Überflüssigen und Banalen" zu erfahren, welche Literatur den einen oder anderen Herbst- und Winterabend retten könnte.

39 Bücher standen im Halbkreis aufgereiht auf dem Tisch vor dem sitzenden Kritiker. Gleich zum Beginn machte er dem Publikum klar, dass es sich keinesfalls auf Bestsellerlisten wie jene im Magazin "Der Spiegel" verlassen sollte. Dort zählten nur die Verkäufe, nicht aber die Qualität. "Zur Abschreckung" begann er mit dem Buch der Rapperin und Ex-Prostituierten Schwesta Ewa "Enthüllungen: Das Leben fickt am härtesten". Beim Spiegel unter den Sachbüchern derzeit auf Platz 9, gehe es in dem ganzen Buch "nicht mal um das Eine, sondern um nichts als Geld, Geld und nochmals Geld".

Das Geschriebene sei "einfach unerträglich, absurd und unintelligent". Verglichen damit sei sogar Verona Pooth mit ihrem Buch  "Nimm dir alles, gib viel: Das Verona-Prinzip" noch wahre Geistesgröße zuzuweisen. Allerdings sei es so eine Sache mit den immer beliebter werdenden Sachbüchern. Titel wie "Schlank im Schlaf" oder "Jedes Kind ist hochbegabt" liefen bestens, obwohl jeder einigermaßen vernünftig denkende Mensch wissen müsse, dass die propagierten Methoden nie und nimmer zum Erfolg führen würden. Schecks mit einem bissigen Lächeln vorgetragenes Fazit aus so vielen Vorlagen: "Ich werde  demnächst selbst ein Sachbuch schreiben, sein Titel ,Nüchtern durch mehr Saufen‘." Erfolg sei garantiert.

Buch über Humboldt

Ans Herz legte er dem Publikum "Der andere Kosmos". Es handele sich um 70 Texte aus 70 Lebensjahren des vor einem Vierteljahrhundert geborenen großen Naturforschers und Weltreisenden Alexander von Humboldt. "Einfach hinreißend" sei dieses Buch. In mehrerer Hinsicht außergewöhnlich und absolut lesenswert sei das "Verzeichnis einiger Verluste" von Judith Schalansky. Die junge Berlinerin nannte Scheck "eine der hellsten Kerzen auf der Torte der aktuellen deutschen Literatur". In allen Erzählungen gehe es um Verluste. Die schönste davon sei jene von der Scheidung eines Paares kurz vor der Wende 1989, das nur das eigene Scheitern im Blick hat und darüber die Außenwelt völlig vergisst. Wunderbar an Schalanskys Büchern sei auch, dass sie diese selbst gestaltet. So befänden sich im Umschlag Spuren von Leder, was diesem eine ganz eigene Haptik verleiht.

An Marianne Wolffs Sachbuch "Schnelles Lesen, langsames Lesen: Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen" fasziniert Scheck der durch die Autorin angetretene Nachweis, dass sich das Gehirn des Lesers mit der konsumierten Literatur zum Positiven oder Negativen verändere. Scheck mit erhobenem Zeigefinger: "Damit ist klar, Fitzeks Bücher schaden Ihrem Gehirn!" Schon mehrfach hatte er an jenem Abend Kriminal-Bestsellerautor Sebastian Fitzeks Werke negativ erwähnt. Es handele sich um brutale "Leichen-Pornos". Natürlich empfahl Scheck, der zum Beginn des Fontanejahres schon einmal, damals mit weiteren Kritikern in der Stadt war, auch Theodor Fontane. Er könne manche Werke des großen Romanciers immer wieder unter neuen Vorzeichen lesen. So verbinde ihn mit dem alten Dubslav von Stechlin aus "Der Stechlin"  seit früher Jugend eine innige Freundschaft.

Bald beim Literarischen Bilderbogen

Jazzikone Uschi Brüning liest am morgigen Mittwoch, 19.30 Uhr, aus ihrer Biografie "So wie ich" in der Heilig-Geist-Kirche Wittstock.  ⇥ug

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