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Festival
Die Vielfalt der Poesie

Holger Rudolph / 03.11.2019, 20:00 Uhr
Neuruppin Was hätte wohl Theodor Fontane gesagt, wenn er am Samstagabend bei "Pop und Poesie" im Rahmen der Fontane-Festspiele 2019 hätte dabei sein können? Die Berlinerin Ulrike Almut Sandig und ihre ebenfalls in der Hauptstadt lebende Freundin Hinemoana Baker, Tochter eines Maori, traten in der Siechenhauskapelle auf.

Die Lyrikerinnen und Performancekünstlerinnen trugen weiße Schutzanzüge. Auf ihrer Baustelle, der Bühne, zeigten sie eine Komposition aus live gesprochenem Wort, vor Ort erzeugter elektronischer Musik und teils verfremdeten Klängen verschiedener Naturmaterialien wie aneinander geriebenen Steinen. Auch Maori-Instrumente fanden Verwendung. Was die beiden Künstlerinnen präsentierten, war einzigartig und besonders. Einen Lyrik-Leseabend hatte sicherlich niemand erwartet. Wie sehr das Publikum durch die beiden Freundinnen überzeugt wurde, davon sprach der riesige Beifall am Ende. Erst nach mehreren Zugaben durften Sandig und Baker gehen. Und was hätte nun Fontane gesagt? Als Theaterkritiker fand er oft sehr deutliche, auch drastisch-verletzende Worte, dem Neuen gegenüber aber war er meist aufgeschlossen. Vielleicht hätte auch er seinen Spaß daran gehabt, was die Performerinnen zeigten.

Lyriker im Nebenberuf

Sehr viel herkömmlicher, dabei aber kein bisschen uninteressanter, ging es bei der Matinee am Sonntag in der Kapelle zu. Björn Kuhligk, einer der wichtigsten deutschen Lyriker seiner Generation, lebt in Berlin. Von 2006 bis 2009 leitete er die Berliner Schreibwerkstatt "open poems". Nach Neuruppin kam er mit seinem guten Bekannten Marcus Roloff. Der gebürtige Neubrandenburger, der heute in Frankfurt am Main lebt, ist für seine intensiven Gedichte bekannt. Oft beschäftigt er sich in ihnen mit den Menschen seiner alten Heimat. Mit in drei Blöcken vorgetragenen jeweils insgesamt 15 Gedichten zeigten die beiden Schriftsteller die Breite ihres Schaffens. Dass Naturbeschreibungen nicht langatmig sein müssen, bewies Kuhligk mit seinen drei Gedichten "Im Norden". Roloff zeichnete ein Bild der Gegenwart, bei dem es auch schon mal um den Wert oder Unwert der ach so beliebten Serien der Streaming-Kanäle ging, so in "Netflix-Serien". Bei Roloff sind diese Serien eine Vermengung nicht zueinander passender Segmente.

Zwischenzeile

Mit einem eingeschobenen Zwiegespräch unterhielten die beiden Lyriker sehr gut. Dabei wurde klar, dass es sich vom Gedichteschreiben nicht leben lässt. Roloff arbeitet auch als Erzieher und Übersetzer. Kuhligk ist im Hauptberuf Buchhändler. Die besten Ideen zum Schreiben kommen den beiden Autoren unterwegs. Familienvater Roloff schreibt meist, wenn er auf Reisen ist. Kuhligk hat nach eigenem Bekennen die besten Einfälle während Fahrten mit der U-Bahn. Nein, Lyrik sei kein guter Weg, um viel Geld zu verdienen, sagte Kuhligk. Hätte er sich mit gleicher Intensität an einer ganz anderen Sache als dem Schreiben versucht, wäre er vermutlich schon ziemlich reich. Trotzdem sei es wunderbar, wenn sich Verlage für ihre Texte interessierten und Menschen ihre Gedichte lesen, stellten beide fest. Die oft behauptete "ganz große gesellschaftliche Relevanz" aber habe Lyrik nicht, erklärte Roloff.

Dass es sich vom Schreiben allein nicht gut leben lässt, musste seinerzeit auch schon Theodor Fontane bemerken. Mit Zeitungsartikeln, nicht zuletzt als Theaterkritiker, verdiente er lange Zeit weit mehr als durch seine literarische Arbeit. Den ganz großen Ruhm gab es ohnehin wie bei vielen Künstlern erst nach seinem Tode.

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