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Lesung
Weshalb die Sowjetunion wirklich zerfiel

Wladimir Kaminer zeigte unglaubliche Abgründe des Alltäglichen.
Wladimir Kaminer zeigte unglaubliche Abgründe des Alltäglichen. © Foto: Holger Rudolph
Holger Rudolph / 03.12.2019, 09:34 Uhr
Neuruppin Wladimir Kaminer ist Kult. Wenn der 52-Jährige wie erst kürzlich zur Russendisko in das Veranstaltungszentrum Hangar 312 auf dem früheren Flugplatz der Roten Armee in Neuruppin einlädt ebenso, wie bei seinen Lesungen am selben Ort. Seine Fans lieben den mit seiner Familie ihn Vielitz lebenden Schriftsteller mit russischen Wurzeln. Da verwundert es absolut nicht, dass am Sonntagabend 300 Zuhörer kamen, um den spitzbübisch lächelnden Erzähler Kaminer aus seinem neuesten Buch "Liebeserklärungen" lesen zu hören. In ein bis zwei satirisch-ironischen Bänden pro Jahr zieht er sein unmittelbares Umfeld ebenso durch den Kakao wie die Gesellschaft.

Einmal mehr las Kaminer zuerst Kurzgeschichten aus einem Buch, das erst demnächst erscheinen wird. Der Beifall war wie bei allen Beiträgen an diesem Abend riesig. Um nie ganz erwachsen werdende Kinder und kindisch werdende Erwachsene werde es in dem neuen Band gehen, erklärte Kaminer.

Tückische Kindersicherung

Er las davon, dass seine 87-jährige Mutter von einer Enkelin ein ausrangiertes Handy bekam. Die alte Frau wollte sich nun ein paar Apps herunterladen, wurde daran aber von der einst durch Kaminer selbst installierten Kindersicherung gehindert. Die Komik lag wieder einmal im Detail. Zum Beispiel dann, wenn der Sohn seiner Mutter erklären musste, dass bei der Sicherheitsabfrage ganz gewiss nicht ihr erstes Haustier, sondern jenes ihrer Enkelin gemeint sei. Weil die Kindersicherung immer wieder über sein Handy mit Kaminer Kontakt aufnahm, wurde er schließlich "zum Elternteil meiner eigenen Mutter" und fand es zwar nicht besonders sinnvoll, dass er vor allem Horoskop- und Wahrsager-Apps zulassen sollte, habe ihr aber trotzdem alles erlaubt.

In einer der Geschichten aus "Liebeserklärungen" erfuhren die Zuhörer, dass Kaminers inzwischen verstorbener Vater stets zum großen Dichter werden wollte. Doch dabei habe er so einiges verkehrt gemacht. So schrieb er zum Beispiel ein "Liebesgedicht an die schöne Unbekannte aus dem Bus 127" oder an Valentina Tereschkowa, die erste Kosmonautin. Statt den Angebeteten habe er jene Werke seiner davon wenig begeisterten bis erzürnten Ehefrau in der Küche vorgetragen.

In der Armee habe Kaminer dann selbst Liebesbriefe für einen Vorgesetzten geschrieben und dabei unter anderem erfunden, dass die Einheit mit ihren Panzern in die feindliche Front geraten sei. Dabei gab es weder Panzer, noch einen Kampfeinsatz. Das Elaborat landete beim ranghöchsten Offizier, "der den Brief sehr lustig fand". Es habe Konsequenzen gegeben. Kaminers Fazit: "Romantik ist ja gut und schön, kann einen aber unter Umständen in Teufelsküche bringen."

Gute Sitten gesprengt

Und wer hätte schon geahnt, dass Deutschland die Sowjetunion zerfallen ließ, weil der erste im Staatsfernsehen gesendete Sexfilm "Unterm Dirndl wird gejodelt" die bis dahin guten Sitten im großen Land vollauf sprengte?

Was von alledem hat Kaminer wohl wirklich erlebt? Wobei existiert ein realer Kern? Egal, Satire darf sehr viel. Es kommt darauf an, dass es dem Publikum gefällt. Dieses Kriterium hat der sympathische Autor an diesem Abend einmal mehr vollauf erfüllt.

Geboren in Moskau

Wladimir Kaminer, oder genauer gesagt Wladimir Wiktorowitsch Kaminer, wurde am 19. Juli 1967 in Moskau geboren.

Sein wohl bekanntestes Buch ist die "Russendisko". Aus diesem ist eine ganze Veranstaltungsreihe entstanden. Auch in Neuruppin hat die Russendisko schon zweimal Station gemacht (wir berichteten).

Kaminer hat zwei Kinder und ist verheiratet. Er lebt seit 1990 in Berlin Prenzlauer Berg.

Seine Texte schreibt er auf Deutsch und nicht auf seiner Muttersprache Russisch.⇥red

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