Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Restaurierung
Neue Pfeifen für die Gottberger Orgel

Ulrike Gawande / 14.01.2020, 06:15 Uhr - Aktualisiert 20.01.2020, 13:32
Gottberg (MOZ) Als Tino Herrig, Orgelbauer der Sieversdorfer Orgelbaufirma Scheffler, am Montagmorgen die Kirche in Gottberg betrat, setzte er sich als erstes an die Orgel. Die Königin der Instrumente.

"Ich war positiv überrascht. Ich hatte Schlimmeres erwartet", berichtet der Fachmann, der sich seit Montag gemeinsam mit dem Juniorchef der Firma Wieland Scheffler um die Restaurierung des Aerophons kümmert. "Heute ist quasi der Spatenstich für die Arbeiten, die 1,5 Jahre dauern werden", berichtet Joachim Pritzkow, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Gesamtgemeinde Temnitz. Rund 85 000 Euro soll die Überholung des 1902 von dem Neuruppiner Orgelbauer Albert Hollenbach erbauten Instrumentes kosten. "So lange ich denken kann, und das sind rund 60 Jahre, wurde die Orgel nicht gereinigt", erinnert sich Pritzkow.

Die 1902 vom Neuruppiner Orgelbaumeister Albert Hollenbach erbaute Orgel in der Dorfkirche muss überholt werden.
Bilderstrecke

Restaurierung der Orgel in Gottberg

Bilderstrecke öffnen

Und so werden an zwei Tagen sämtliche Pfeifen des Instrumentes ausgebaut und registerweise für den Abtransport in Kisten verpackt. Wie viele Pfeifen es genau sind, da ist sich der Neuruppiner Kantor Matthias Noack nicht sicher. Über 800 Pfeifen schätzt er für die Orgel mit 15 Registern. "Sie ist eine der wenigen zweimanualigen Orgeln von Hollenbach in der Region. Die Gottberger haben sich damals den Mercedes unter den Instrumenten geleistet."

Vor zehn Jahren saß der Musiker erstmals in der Dorfkirche auf der Orgelbank. Schon damals hätte das Instrument eine Überholung nötig gehabt. "Ich habe aber geahnt, welches Potenzial die Orgel hat. Sie hat sehr fein aufeinander abgestimmte Register, die dem romantischen Klangbild entsprechen. Flötenprinzipale und Streicherregister bilden einen ausgewogenen Klang", gerät Noack ins Schwärmen über das "wahnsinnig gute Ton- und Materialgespür" von Albert Hollenbach, der im Februar seinen 170. Geburtstag gefeiert hätte. Doch die Orgel in Gottberg war eine der letzten seiner insgesamt 104 Orgelneubauten, von denen auch einige in Norwegen stehen. 1904 schied Hollenbach, der seine Lehre bei Lütkemüller in Wittstock absolviert hatte, aufgrund des Konkurses seiner Firma freiwillig aus dem Leben.

Billiges Zink ersetzt Zinn

Ende des 19. Jahrhunderts war der Preis für Zinn deutlich angestiegen. Doch Hollenbach wollte kein minderwertiges Zinn für die metallenen Orgelpfeifen, die meist als sogenannte Prospektpfeifen sichtbar sind, verwenden. Die übrigen werden aus heimischem Kiefern- oder Fichtenholz gefertigt. Im Ersten Weltkrieg wurden jedoch wegen der Materialknappheit die Zinn-Pfeifen – ebenso wie oftmals auch die Kirchenglocken – ausgebaut und zur Verwendung in der Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Ein Schriftzug von Orgelbauer Rudolf Piper an der Tür der Orgel zeugt davon, dass er am 9. Mai 1917 die hochwertigen Zinn-Pfeifen durch billige Zink-Exemplare ersetzte.

Diese sollen bei der Restaurierung ausgetauscht werden. Die übrigen Pfeifen werden soweit wie möglich aufgearbeitet und die komplette Mechanik überholt. "Der Grundsatz ist, alles zu erhalten", erklärt Noack, da sich die Gottberger Orgel bis auf die Zink-Pfeifen noch nahezu im Originalzustand  befinde. Lediglich ein Gebläse wurde zu DDR-Zeiten eingebaut. Bis dahin sorgte ein mit Muskelkraft betriebener Blasebalg für die Luftzufuhr der Orgel. Das Gebläse produziert jedoch deutliche Nebengeräusche und soll ausgewechselt werden.

Sponsoren gesucht

Mit 40 000 Euro fördert das Brandenburger Kulturministerium die Arbeiten. 10 000 Euro kommen jeweils vom Kirchenkreis und von der Gesamtkirchengemeinde, die in Gottberg zahlreiche Unterstützer gefunden hat. 5 000 Euro gibt die Gemeinde Märkisch-Linden. Für die fehlenden 20 000 Euro werden Sponsoren gesucht. Überlegt wird, ein Orgelpfeifen-Patenprogramm wie in Neuruppin zu starten, berichtet Pritzkow. Auf einer Tafel könnten dann alle Spender verewigt werden. Auch Benefizkonzerte für die historisch wertvolle Orgel soll es geben. "Es ist eine langlebige Investition", ist Orgelbauer Tino Herrig sicher.

Info-Kasten

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel.⇥kürzel

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG