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Gartenbau
Obstplantagen für Rheinsbergs Schlossgarten

Brian Kehnscherper / 30.04.2020, 19:03 Uhr - Aktualisiert 30.04.2020, 19:43
Rheinsberg (MOZ) Wer im 18. Jahrhundert den Rheinsberger Schlosspark betrat, kam an reichen Obstplantagen vorbei. Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche und Aprikosen wuchsen rechts und links der Hauptallee zum Schloss.  Als Kronprinz Friedrich II. in Rheinsberg residierte, standen selbst auf der Schlossinsel 500 Obstbäume. "Das waren alles Franzobstbäume, die sehr klein geschnitten waren und als Schmuckelemente verschieden geformt wurden", sagt der Gartenleiter Mathias Gebauer. Später, als Friedrichs Bruder Heinrich die Schlossanlage übernahm, verschwanden die Obstbäume von der Insel. Die anderen Gewächse blieben.

Nach Heinrichs Tod im Jahr 1802 passierte nicht mehr viel mit dem Schlosspark. Die Gärtnerei wurde jedoch lange weiterbetrieben. Im Laufe der Zeit verschwanden die Plantagen jedoch. Das Institut für Denkmalpflege rekonstruierte in den 1970er-Jahren zwar die räumlichen Dimensionen der Heckenquartiere. Wiederbepflanzt wurden sie jedoch nicht. Eines von ihnen ist zu DDR-Zeiten sogar als Schulgarten genutzt worden. "Daran erinnern sich viele Rheinsberger noch", so Gebauer.

Komplizierte Recherche

Der Landschaftsarchitekt versucht nun, zumindest einen Teil der historischen Bepflanzung wieder erfahrbar zu machen. Dabei war es nicht leicht herauszubekommen, wie der Originalzustand einmal war. "Es gibt keine genauen Pläne, nur Inventarlisten", sagt er. Zwar stehen dem Landschaftsarchitekten drei historische Rekonstruktionszeichnungen aus den Jahren 1773, 1777 und 1800 zur Verfügung. "Man muss es aber vorsichtig sehen, denn der Zeichner nahm es mit der Zahl der Bäume vielleicht nicht so genau. Ihm ging es darum, dass es auf der Karte gut aussieht", so Gebauer. Auch welche Obstsorte in welcher Anzahl in welchem der Heckenquartiere stand, lässt sich nur schwer nachvollziehen. "Jede Quelle sagt etwas anderes über die Anzahl der Gehölze." Anhand der Inventarlisten lasse sich aber zumindest nachvollziehen, welche Bäume in den jeweiligen Quartieren standen. "Welche Sorten es waren, war jedoch nicht verzeichnet." Um möglichst authentisch zu sein, wollte die Schlossgärtnerei nur Obstsorten aus dem 18. Jahrhundert pflanzen. Mathias Gebauer konnte dabei auf die Arbeit einer Volontärin der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zurückgreifen, die Obstsorten aus jener Zeit katalogisiert hatte und vermerkte, wo sie heute noch bezogen werden können.  "Die zu bekommen, war teilweise gar nicht einfach. Die Pfirsiche sind heute noch nicht da, die gibt es nur noch in Frankreich", so der 42-Jährige. Auch jeweils eine Birnen- und Kirschsorte lassen noch auf sich warten.

Anordnung nach Rutenmaß

Eine Herausforderung sei es zudem gewesen, die Bäume anzuordnen. Da in Gartenbüchern aus dem 18. Jahrhundert empfohlen wird, dass Obstbäume ein Rutenmaß weit auseinander stehen sollten, geht Gebauer davon aus, dass sie demnach in einem Abstand von 3,70 Metern angeordnet waren. Die so errechnete benötigte Zahl der Bäume stimme mit den alten Inventarlisten überein. "Wir haben uns letztlich für ein Rastermaß entschieden, das sich an den Wegen orientiert. Wir kommen damit dem Plan von 1800 recht nahe."

Nun konnte es an die Umsetzung gehen. Eigentlich sollten die Bäume schon im vergangenen Herbst gepflanzt werden. Da sie aber nur schwer zu bekommen waren, verzögerte sich alles. Der neue Starttermin im März platzte wegen der Corona-Krise. Der nächste Termin in der Woche nach Ostern fiel dem Wetter zum Opfer. "Wir mussten erst wässern, wässern, wässern", so Gebauer. Nun konnten die Bäume endlich in den Boden gesetzt werden. Dafür wurde an einem der Quartiere eine Hecke entfernt. Sie soll später näher am Weg wieder eingesetzt werden. Damit erhalte die Fläche auch wieder ihre ursprünglichen, größeren Ausmaße. An den Ecken der Heckeneinfassung sollen Lücken bleiben, um Sichtachsen auf die Obstplantagen zu haben.

Die Heckenquartiere sind nur ein Projekt des Gartenteams. Allein in diesem Jahr haben sie schon mehr als 1 000 Gehölze gepflanzt. Unter anderem soll das Areal am Heckentheater, auf dem einst ein chinesisches Zelt stand, wieder erfahrbar werden. Aufgrund der heutigen Gestaltung des Geländes, ist es nicht möglich, den alten Zustand wieder herzustellen – zumal Gebauer nicht vor hat, dort wieder ein Zelt aufzustellen. Jedoch soll zumindest eine Anmutung der alten Gestaltung geschaffen werden. Auch die sogenannte englische Partie vor der Egeriagrotte ist mit neuen Gewächsen gestaltet worden.

Ackerbau statt Forstwesen

Ohnehin ist von vielen einstigen Gartebau-Landschaften vieles noch ungenutzt. Die Weg zwischen der Hauptallee und dem Salon etwa, der ursprünglich mal ein Graben war, lässt viel Platz für Gestaltung. An anderen Stellen wiederum, lässt sich der historische Zustand nur noch schwer rekonstruieren. So war der Boberowforst ursprünglich kein Wald. Dort waren große Obst- und Küchengärten angelegt. Schließlich musste die Hofgesellschaft versorgt werden. "Ab 1750 gab es hier Feldkultur mit Alleen", sagt Gebauer. Ab den 1850er Jahren wurde das Gebiet aufgeforstet. Nur die Wege, die sogenannten Boberow-Kabeln, erinnern noch an die alten Alleen. Auf einem Satellitenbild vom Schlosspark hat Gebauer mit farbigen Flächen gekennzeichnet, welches Gewächs einst, wo angebaut worden ist. Rot steht für Weintrauben, grün für Gemüse, Orange für Mischkulturen und Blau für Obst.

Nun ist mit den Obstbäumen in den Heckenquartieren erst einmal ein Projekt abgeschlossen. Was mit den Früchten geschehen soll, weiß der Landschaftsarchitekt im Übrigen noch nicht. Er kann sich aber gut Vorstellen, dass sie sich vermarkten lassen. "Vielleicht gibt es irgendwann eine Schlossgartenmarmelade. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die Bäume müssen erst einmal anwachsen. Gärtner haben bekanntlich sehr viel Geduld."

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