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Leichtathletik
Die Ziellinie schon vor Augen

Matthias Haack / 13.05.2020, 21:45 Uhr
Neuruppin (moz) War Schirrmeisters Sturz nun Fluch oder Segen? Mit einem Desaster begann die praktische Sportprüfung für Jona. Zeigte Tim Boerger den Schirrmeister-Zwillingen die Hacken, so ging es für die Beiden nur um Dranbleiben am Ausnahmesprinter. Leon brachte immerhin eine 12,9 ins Ziel – Jona erreichte es nicht. "Ich habe wohl auf den letzten Metern einen zu großen Schritt gemacht", analysierte er. Seine Fingerspitzen ragten über die Ziellinie, der weitaus größere Teil des Körpers nicht. Schürfwunden am Knie, eine tiefere an der rechten Hand. Und ein moralischer Schock. Ihm kam jedoch entgegen, dass aus den vier angebotenen Disziplinen ein Streich-Ergebnis gestattet ist – sofern dies nicht der 800-Meter-Lauf ist.

"Unsere drei Prüflinge sind trotz der mehr als 100 Abiturienten der Durchschnitt aus den letzten Jahren", erklärte Michael Landeck die vermeintlich geringe Anzahl. Mit den Sportlehrern Olrik Priesemuth und Toni Kanzler wurde eine Eins-zu-Eins-Betreuung ermöglicht. "Nicht wenige wählen Mathe beim Abi ab, weil dies das Unterrichtsfach mit der längsten Beschulung ist und demnach viel Stoff vermittelt wird. Ich ziehe den Hut vor denen", so der Landeck, "die sich dem Praxisteil stellen und damit die Theorieprüfungen ergänzen." Meistens entscheiden sich jene Schüler für die Kombination Mathe/Sport, wenn sie in Sportvereinen "vorbelastet sind".

Tim und die "Schirrmänner" sind es. Sie spielten über Jahre gemeinsam Fußball beim MSV. Tim ist inzwischen im Herrenteam des SV 90 Fehrbellin (Kreisliga) aktiv, Leon und Jona gehören noch zu den A-Junioren, die in der Brandenburgliga auf Punktejagd gingen. Kein Wunder also, dass dieses Trio im gestrigen fünften Prüfungselement keine Schwierigkeiten hatte: ein Test im Fußball. Allerdings abgewandelt zu den Vorjahren, weil auch hier die Abstände unter den Sportlern beachten wurden. Michael Landeck: "Den Jungs ist keine Verunsicherung anzumerken", obwohl sie weitaus seltener die Disziplinen üben konnten. Erst seit einer Woche ist das Benutzen des Sportplatzes gestattet. "Am Montag voriger Woche habe ich das angebotene Training nicht besucht, weil ich für Mathe (Dienstag) gelernt habe", blickt Tim zurück. "Am Donnerstag war ich zum Eignungstest für die Ausbildung bei der Polizei in Berlin. Und vorgestern habe ich ein Sparprogramm durchgezogen. Ich bin gespannt, wie es läuft", zeigte er sich wie von Landeck beobachtet unaufgeregt vor der ersten Disziplin.

Seit eineinhalb Jahren hatte er nichts mehr im leichtathletischen Bereich getan. Tims letzter Wettkampf war mit der Schulmannschaft im Regionalfinale "Jugend trainiert für Olympia" in Wittenberge. Das liegt beinahe schon zwei Jahre zurück. Umso mehr strahlte der Wildberger über seine Fabelzeit von 11,6 Sekunden. Und auch beim Verlassen der Weitsprunggrube wich das Lächeln nicht: 5,56 Meter. Olrik Priesemuth süffisant dazu: "Ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss." Tim hatte die vakante Marke für 14 Punkte um einen Zentimeter geknackt. Leon blieb dagegen um einen halben Meter hinter dem persönlichen Ziel zurück. Er verschenkte beim Absprung, obwohl es "beim Einspringen noch gut ausgesehen hatte". Jona sei der "Sieger in der Höhe", lobte Priesemuth. Nur fehlte dem hoch Aufgeschossenen die Weite.

Im folgenden Kugelstoßen trumpften die Zwillinge mächtig auf. Jona kratzte im zweiten von drei Versuchen sogar an der Zehn-Meter-Marke. Tim wählte statt der Kugel den Speer. Drei Würfe, drei identische Ausführungen, dreimal im gleichen Sektor gelandet. Dreimal die 40-Meter äußerst knapp verfehlt. Leon kurz vorm finalen 800-Meter-Rennen: "Da haue ich gleich alles raus." Begann Tim die vier Runden auf der entgegengesetzten Seite des Ovals, so liefen die Schirrmeisters als Paar. Erst bestimmte Jona das Tempo, in der letzten Runde zog Leon vorbei. Sie schaukelten sich gegenseitig zur famosen Zeit: "2:30 Minuten sind drin", hatte Priesemuth den Drei als realistischen Wert mit auf den Weg gegeben. Für einen Motivationsschub sorgte Michael Landeck, der zu seinen Hochzeiten eine 2:09 gelaufen ist. Blieb die Stoppuhr für die "Schirres" bei 2:26/2,27 stehen, so quälte sich Sprinter Tim für die 2:38 Minuten. "Ich spüre ganz deutlich die Belastung aus den ersten Disziplinen in den Beinen." 77 Minuten waren seit dem Auftakt vergangen. Leon: "Das war eben das letzte Mal, dass sich in meinem Leben die 800 Meter gelaufen bin." Und der an Hand und Knie gezeichnete Jona: "Das war wohl doch nicht umsonst, dass ich zu Beginn der Prüfung vor der Ziellinie gefallen bin." Sein Sturz war doch eher Segen als Fluch.

Die Kombination Mathematik/Sport gewählt

Tim BoergerZielnote Abitur⇥2 bis 2,5Bisher geprüft in Mathematik, Geschichte, Deutsch und Sport100 Meter⇥11,6 SekundenWeitsprung⇥5,56 MeterSpeerwurf⇥39,90 Meter800 Meter⇥2:38 MinutenNoch ausstehend: Sport-TheorieAusbildungsziel: Gehobener Dienst bei der Polizei in Berlin oder Brandenburg

Leon SchirrmeisterZielnote Abitur⇥2,0Bisher geprüft in Mathematik, Geografie, Deutsch und Sport100 Meter⇥12,9 SekundenWeitsprung⇥4,57 MeterKugelstoß⇥9,12 Meter800 Meter⇥2:26 MinutenNoch ausstehend: Sport-TheorieAusbildungsziel: Immobilienkaufmann in Erfurt, Vertrag bereits unterschrieben

Jona SchirrmeisterZielnote Abitur⇥1,8 bis 2,1Bisher geprüft in Mathematik, Geografie, Deutsch und Sport100 Meter⇥12,9 SekundenWeitsprung⇥5,00 MeterKugelstoß⇥9,92 Meter800 Meter⇥2:27 MinutenNoch ausstehend: Sport-TheorieAusbildungsziel: Sportmanagement, zunächst in Hamburg angepeilt, inzwischen aber in Jena

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