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Jubiläum
120 Jahre Backkunst in Rheinsberg

Markus Kluge / 26.07.2020, 02:15 Uhr
Rheinsberg (MOZ) Stammkunden der Bäckerei und Konditorei Läge werden nicht nur mit einem freundlichen "Hallo", sondern oft auch mit dem Vornamen gegrüßt. Man kennt sich eben, schätzt sich – und das häufig seit Jahren. Die Bäckerei ist in Rheinsberg eine Institution und dort die letzte, die das Backhandwerk in der Stadt ausübt. In der nächsten Woche wird Läges Familienbetrieb 120 Jahre alt.

In der Hauptfiliale an der Berliner Straße hängt der Goldene Meisterbrief von Gerhard Läge gut sichtbar an der Wand. Den hat er bereits 2008 zu seinem 50-jährigen Meister-Jubiläum bekommen. "Eigentlich habe ich schon den Diamantenen Brief, aber der macht nicht so viel her", sagt der 84-Jährige und schmunzelt. Deswegen bleibt dieses Dokument lieber im Schrank. Viel Platz gibt es an der Wand sowieso nicht mehr. Schließlich kann die Kundschaft dort auch Blicke auf alte Fotos aus der Unternehmensgeschichte werfen, wenn sie sich nicht gerade von Torten, Kuchen, Brot, Brötchen und vielen anderen Leckereien hinter der Theke ablenken lässt.

Erste Backstube im Keller

Das Haus, in dem heute für noch weitere vier Filialen in Rheinsberg und  Kleinzerlang gebacken wird, wurde 1889 gebaut. Ganz am Anfang befand sich im Keller noch eine Töpferei. Mit Hermann und Berta Läge aus Rönnebeck zog das Backhandwerk an die Berliner Straße. Gerhard Läges Großeltern kauften 1900 das Haus und eröffneten am 29. Juli ihr Geschäft. "Gebacken wurde noch im Keller", so der Bäckermeister. 1910 baute das Paar sich auf dem Grundstück eine neue Bäckerei auf.

1934 gab die erste Generation das Geschäft weiter an Sohn Alfred und dessen Frau Else. Weil Alfred Läge als Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen musste, blieb der Backofen von 1942 bis 1946 kalt. Nach der Kriegsgefangenschaft durfte Alfred Läge wiedereröffnen. Über mangelnde Konkurrenz konnte sich sein Vater nicht beschweren, sagt Gerhard Läge. In den 1950er-Jahren gab es  in jedem Dorf einen Bäcker, in Rheinsberg sogar neun.

"Heute sind wir die Letzten, die hier in der Stadt noch backen", sagt Gerhard Läge. Alle anderen sind Backshops oder bekommen ihre Waren aus anderen Orten geliefert. Dass er selbst einmal Bäcker werden und in die Fußstapfen seiner Eltern treten würde, stand nie infrage. 1950 begann er seine dreijährige Lehre bei seinem Vater. "Danach war ich fünf Jahre in der Fremde, um noch mehr zu lernen." Die Rheinsberger und ihre Gäste profitieren noch heute davon. "An Rezepte zu kommen, war früher schwierig", sagt der Senior. Aber in Potsdam konnte er einem Konditormeister ein Rezept für Spritzgebäck abringen, das heute noch genauso gebacken wird wie früher.  Der Läge-Klassiker ist die Zitronentorte. Die wird heute wie auch schon zu DDR-Zeiten gerne zu verschiedenen Anlässen gekauft und auch an andere Orten mitgenommen. "Da kommt immer nur frischer Zitronensaft dran", verrät der Meister. Wenn zu DDR-Zeiten keine Zitronen zu bekommen waren, gab es eben auch keine Torte. "Aber ich hatte einen guten Draht zu einem Fahrer der ehemaligen Carmolfabrik. Der hat mir aus Berlin immer Zitronen mitgebracht – und auch mal einen Kasten Radeberger", so der 84-Jährige, der heute noch jeden Tag um 7.30 Uhr in der Backstube steht, nach dem Rechten sieht und bei Bedarf Tochter Antje Rosenthal unter die Arme greift.

Sie hat bereits 1992 und damit in der vierten Generation das Geschäft ihres Vaters übernommen. "Ich habe schon als Kind die Plätzchen im Zucker gewendet", erinnert sie sich. 14 Mitarbeiter hat die Familienbäckerei heute. "Es funktioniert auch nur, wenn alle wirklich mitziehen", ist Rosenthal stolz auf ihre Kollegen, auf die sie sich stets verlassen könne. Zwar sehe ein Knüppel nicht immer wieder der andere aus: "Aber das ist eben noch Handarbeit und keine Industrieware." Gebacken wird nach wie vor ab 1 Uhr in der Nacht – alles, was bis zum Vorabend bestellt wurde. Ab 5.30 Uhr werden nicht nur die eigenen Filialen, sondern auch Hotels und Zeltplätze in der Gegend mit frischen Backwaren bestückt. "Manche Urlauber freuen sich richtig, wenn sie mal wieder in eine richtige Bäckerei kommen können", sagt Läge Senior.

Brötchen für zehn Cent.

Obwohl Läges Bäckerei zwei Weltkriege und die DDR-Zeit überstanden hat, seien die aktuellen Zeiten die schwierigsten für einen Familienbetrieb. Weil der Beruf anstrengend ist und nur wenige Menschen bereit sind, in der Nacht zu arbeiten, seien neue Mitarbeiter sehr schwer zu finden. "Ich habe 33 Lehrlinge ausgebildet. Davon ist aber kaum einer Bäcker geblieben", weiß der Meister. Auch die Konkurrenz durch die Supermarktketten sei hart. Qualitativ könnten diese nicht mit dem Rheinsberger Handwerk mithalten. Aber sie locken Kunden mit niedrigen Preisen, die der Familienbetrieb nicht bieten kann. "Ich kann es ja ein wenig verstehen, wenn man nur wenig Geld hat", sagt Antje Rosenthal. Gerhard Läge hätte sich aber schon gewünscht, dass die Stadtväter nach der Wende bei der Planung die Supermärkte mehr am Stadtrand platziert hätten, um den kleinen Geschäften in der Innenstadt keine Konkurrenz zu machen.

Wenn am Mittwoch, 29. Juli, das 120. Gründungsjubiläum gefeiert wird und Kunden sowie Geschäftspartner zum Gratulieren kommen, gibt es in jeder Filiale frische Brötchen für nur zehn Cent. "Zum 105. hatten wir sie für 15 Cent angeboten", so Rosenthal. Rein rechnerisch müssten beim nächsten Jubiläum die Brötchen kostenlos sein. Darüber muss die 56-Jährige aber wahrscheinlich nicht mehr nachdenken. In der Familie wird sie die letzte sein, die die Bäckerei führt. Ihre Kinder, die andere Berufe ergriffen haben, sind nicht interessiert daran einzusteigen. Großvater Gerhard Läge hat Verständnis: "Es gibt heute viele einfachere Berufe."

In großen roten Buchstaben steht im Geschäft auch das Wort "Tradition". Wer diese unter anderem Namen fortführen wird oder ob sie endet, ist noch ungewiss.

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