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MOZ-Interview
Hans-Georg von der Marwitz: „Teil einer Generationenkette“

Zurück in der Familienheimat: Hans-Georg von der Marwitz – CDU-Bundestagsabgeordneter und Landwirt
Zurück in der Familienheimat: Hans-Georg von der Marwitz – CDU-Bundestagsabgeordneter und Landwirt © Foto: Doris Steinkraus
André Bochow / 01.12.2018, 12:00 Uhr
Friedersdorf (MOZ) „Die Marwitze haben dem Lande manchen braven Soldaten, manchen festen Charakter gegeben“, schreibt Theodor Fontane. Angehörige des alten Adelsgeschlechts verschlug es aber auch nach Süddeutschland oder nach Vorpommern. André Bochow sprach mit dem Landwirt und CDU-Bundestagsabgeordneten Hans-Georg von der Marwitz, der in Friedersdorf, im Kreis Märkisch-Oderland sein Zuhause gefunden hat und dessen Eltern beide zu verschiedenen Zweigen des Marwitzschen Stammbaumes gehören.

Herr von der Marwitz, Sie leben jetzt in Brandenburg.Dort, wo ein erheblicher Teil Ihrer Vorfahren herkam. Sind Sie ein Rückkehrer?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich wurde 1961 in Heidelberg geboren und bin in Franken bzw. im Allgäu groß geworden. Bis 1989 hatte ich auch das Gefühl dorthin zu gehören.

Und das hat sich geändert?

Ja, mit dem Fall der Mauer. Da brachen zumindest bei meinen Eltern die Dämme. Bis dahin hatten sie das Thema Heimat, Vertreibung und Flucht gemieden. Meine älteren Geschwister sind 68 mit Rudi Dutschke durch die Straßen gezogen. Da hielten es meine Eltern nicht für angebracht,über verlorene Heimat im Osten zu reden.

Wie kam es dazu, dass Sie im Allgäu landeten?

Meine Mutter hat dort einen Bergbauernhof geerbt. Meine Eltern haben den Hof von 1949 bis 1955 bewirtschaftet. Dann fing mein Vater an, Theologie zu studieren und wurde später Pfarrer. Mit Ostdeutschland hatten wir eigentlich nichts zu tun. Aber nach dem 9. November 1989 hat mein Vater angefangen von den Landschaften, von den Menschen und von den Enteignungen zu erzählen.

Und dann sind Sie losgezogen, um das Land der Väter wieder in Besitz zu nehmen?

So war es gerade nicht. Ich bin nach Brandenburg gefahren, um mir überhaupt erst einmal ein Bild zu machen. Neugierig war ich schon.

Sie waren vor 1989 nie in der DDR?

Doch, doch. Zum Beispiel im April 89 in Freital in Sachsen. Da haben wir eine Bauernfamilie besucht, deren Söhne gerade wegen versuchter Republikflucht im Gelben Elend in Bautzen einsaßen. Darüber hinaus hatte ich hinreichend Ärger mit Grenzern und Polizisten. Bespitzelt wurde ich auch. Das war schon bedrückend.

Die altenLändereien Ihrer Familie haben Sie sich nicht angesehen?

Nur einmal. Anlässlich einer Reise mit denJohannitern nach Hinterpommern. Da habe ich darum gebeten,in Groß Kreutz bei WerderHalt zu machen. Das war schon ein eindrückliches Erlebnis, dort vor den Gräbern der Vorväter zu stehen. Oder sich die Kirche anzusehen. Damals hatte ich übrigens wenig Ahnung von unserer Familiengeschichte.

Im September 1990 haben Sie einen Teil des ehemaligen Familienbesitzes in Friedersdorf, im Oderland zurückgekauft.

Ja. Aber das war zunächst nicht meine Absicht. Friedersdorf machte einen heruntergekommenen Eindruck und meine Mutter hatte mir abgeraten. Aber mein Vater hat sich dann dort umgesehen und erklärt, der Boden wäre sehr gut.

Setzten dann verspätete Heimatgefühle ein?

Es wäre gelogen, zu sagen, dass da nicht eine Menge Emotionen im Spiel waren. Zum Beispiel als wir in Friedersdorf in der Kirche standen. Die zwar in einem beklagenswerten Zustand war, aber natürlich sehr viel Historie verkörperte. Mir wurde dort klar, was es bedeutet, Teil einer Generationenkette zu sein. Ich wusste jedenfalls, was meine Mutter meinte, als sie gesagt hatte, das wäre mehr als ein Landwirtschaftsbetrieb.

Für die örtliche Bevölkerung muss es doch aber so gewesen sein, also ob der Landadel, als ob die von Marwitzes zurückgekehrt sind. Oder?

Klar. Und es gab auch erst einmal sehr unterschiedliche Reaktionen. Aber meine Frau und ich dachten nicht in irgendwelchen Anspruchskategorien. Auch als juristisch festgestellt wurde, dass die Enteignung Unrecht war, hat mich das nicht weiter tangiert. Schon deshalb nicht, weil ich niemals der reguläre Erbe von Friedersdorf geworden wäre.

Der Hof im Allgäu wurde verkauft, um Friedersorf finanzieren zu können. Haben Sie manchmal bedauert, dass diese Brücke abgerissen wurde?

Manchmal kam schon Wehmut auf. Ich bin dort ja sehr stark geprägt worden. Dort im Allgäu hab ich Kindheit und Jugend verbracht. Das kam in stillen Momenten immer mal wieder hoch. Aber bereut habe ich die Entscheidung nach Friedersdorf zu gehen nie.

Ist Friedersdorf jetzt Heimat für Sie?

Ja. Das ist jetzt mein Zuhause und ich finde mich hier in der Generationenkette wieder. Für meine Kinder ist es aber noch mehr Heimat als für mich. Sie sind hier aufgewachsen.

Und wollen bleiben?

Zumindest mein ältester Sohn. Der will den Betrieb übernehmen. Das freut mich natürlich sehr. Es sieht so aus, als ob es in Friedersdorf eine nächste Generation von uns geben wird.

Wie wichtig ist denn Ihrer Meinung Heimat?

Wir haben uns in Deutschland lange mit dem Begriff schwer getan. Mein Vater hat seine Gefühle für die Heimat lange unterdrückt. Aber 1989 waren sie mit Macht wieder da und mein Vater war danach nicht mehr so, wie er vorher war. Er ist dann mit uns Kindern -und zwar mit jedem einzeln – nach Hinterpommern gefahren.

Aber Heimat ist nicht unbedingt etwas Ewiges.

Das stimmt. Es hängt doch sehr viel von den Menschen ab, mit denen man zu tun hat. Als mein Vater mit mir in Hinterpommern war, sagte er zu mir: „Weißt Du, das ist eigentlich nicht mehr meine Heimat. Ich kenne hier ja niemanden mehr. Ich werde die Landschaften, die Erlebnisse und die Freunde von früher weiter im Herzen tragen. Aber ansonsten ist das Kapitel abgeschlossen.“

Kommen eigentlich nach Friedersdorf auch Menschen zurück, die von dort in den Westen gegangen sind.

Ja. Und das freut mich wirklich sehr. Ich habe nie verstanden, dass Brandenburg in den 90er Jahren jungen Leuten 5000 DM bezahlt hat, wenn sie ihr Glück anderswo versuchten.

Es gab damals keine Arbeit.

Aber definiert man sich nur über die Arbeit? Sie ist natürlich wichtig. Trotzdem fand ich es falsch, die destruktive Stimmung im Land durch Abwanderungsprämien zu verstärken. So konnte ja keiner auf den Gedanken kommen, vielleicht etwas ganz Neues zu probieren. Gott sei Dank hat sich das geändert. Und mittlerweile findet der ländliche Raum auch durch die Politik deutlich mehr Beachtung.

Sind viele zurückgekommen?

Schon einige. Eine junge Frau zum Beispiel arbeitet bei uns im Betrieb. Viele haben gemerkt, dass ihnen die Familie fehlt. Und eben auch das Vertraute – die Heimat.

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