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Wolfgang Groch und der Telegrafenradweg

Andreas Trunschke / 09.02.2019, 13:31 Uhr
Schenkenberg (MOZ) Wolfgang Groch wurde im Jahr 1949 im Landkreis Zauch-Belzig geboren, der heute in Potsdam-Mittelmark aufgegangen ist und dessen Name noch immer den heutigen Kreis besser kennzeichnen würde als der Kunstname Potsdam-Mittelmark. Die Grundschule besuchte er in seinem 1928 gegründeten Heimatort Schenkenberg. Auf dem kaum wahrnehmbaren Fliederberg gleich neben der Schule rodelte er im Winter wie alle Kinder. Es gab sogar eine „Todespiste“. Auch im Sommer bot der Hügel mit seinen vielen von den Gärtnern und Bürgern des Ortes gepflanzten Fliedern und anderen Büschen zahlreiche Spielmöglichkeiten. „Und als Jugendliche gab es dort den ersten Kuss“, erzählt Groch.

Später ging er in Jeserig zur Schule. Einer seiner Lehrer bekniete den Vater, den Jungen, der eigentlich Traktorist werden wollte, zum Abitur zu schicken: „Ich war damals nur ein durchschnittlicher Schüler.“ Die Zeit auf der Erweiterten Oberschule (EOS) in Ziesar wurde prägend für ihn: „Dort bildeten sich meine Lebensauffassungen heraus.“ Der Wille zum Frieden und vor allem der Vietnamkrieg taten ein Übriges. Er legte seinen Glauben ab und trat in die FDJ und später in die SED ein. Sein Physiklehrer begeisterte ihn so sehr für die Physik und die Mathematik, dass er von 1967 bis 1971 an der Technischen Hochschule Otto von Guericke diese Fächer mit Diplomabschluss studierte. Nach dem Studium war er mit verantwortlich für die Absicherung der Forschung und deren industrielle Anwendungen im Schwermaschinenbau im Bezirk Magdeburg. Wie für viele Menschen bedeutete auch für Groch die Wende einen Bruch in der Biografie. Sein Versuch, zurück zur Wissenschaft zu finden, scheiterte an seiner früheren Tätigkeit bzw. an den neuen Verhältnissen. Er machte sich selbständig in der Finanz- und Wirtschaftsberatung. Noch später organisierte er bis zu seiner Rente bundesweit Wachschutzdienste.

Sein großes Hobby von der Kindheit an bis heute sind Holzarbeiten, Laubsägearbeiten ebenso wie Arbeiten mit großen Blöcken. Das nötige Wissen und so manchen Holzrest bekam er als Kind von einem benachbarten Tischler. In seinem riesigen Garten am Elternhaus in Schenkenberg, wo er längst wieder wohnt, hat er einen künstlerisch-philosophischen Skulpturengarten angelegt, seinen „Pfad der Augenblicke“. Große und kleine Holzreste arrangierte er zu faszinierenden Skulpturen, mal ganz einfach die Schönheit des Materials betonend, mal voller komplexer Hintergründe. Hohle Baumscheiben stapelte er nach einem Ägyptenbesuch zu einer Pyramide. Muster in einem durchsägten Holzstück erinnern ihn an die in wenigen Milliarden Jahren bevorstehende Vereinigung unserer Milchstraße mit dem Andromeda-Nebel. Als ein Nachbar einen in der Gründerzeit von Schenkenberg gepflanzten Apfelbaum fällte, grub er die riesige Wurzel aus und stellte den großen Stammrest umgekehrt in seinen Garten. Für seine Kinder und Enkelkinder baute er mit Steinen unser Sonnensystem nach: „So kann ich Ihnen die astronomischen Größenverhältnisse erklären.“ Ringsherum ist für jede Hochzeit seiner Kinder und jedes Enkelkind ein eigener Baum nach dem keltischen Baumkreis gepflanzt.

Als er den Wachschutz an zahlreichen Orten der Bundesrepublik organisierte, kam der noch immer physikalisch und technisch interessierte Groch mit den Telegrafie-Enthusiasten auf dem Potsdamer Telegrafenberg Manfred Menning und Ludwig Grunwaldt in Kontakt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er zum ersten Mal, dass es in seinem Heimatort vor dessen Gründung eine Telegrafenstation gab, die sechste auf dem Übertragungsweg von Berlin nach Koblenz. Sie stand auf dem Fliederberg seiner Kindheit: „Ich versprach, sobald ich Rentner bin, kümmere ich mich darum.“

Das Versprechen hat Groch gehalten und Mitstreiter und Partner gefunden: „Wir sind inzwischen gut zehn aktive Telegraphenfreunde. Auch die Gemeinde und der Bürgermeister zogen und ziehen mit“. Bereits 1998 hatte Wilfried Unverricht in seiner Chronik zum 70-jährigen Jubiläum erstmals auf die Existenz der Station Nr. 6 von 1832 bis 1849 hingewiesen. In Schenkenberg wurden die Signale von den Nachbarstationen 5 auf dem Fuchsberg in Glindow und 7 auf dem Marienberg in Brandenburg a.d.H. weitergleitet. Die Berliner Uhrzeit z.B. ließ sich so in einer Minute von Berlin nach Koblenz übermitteln. Seit 2015 betreiben die Telegraphenfreunde die Sache mit der Station Nr. 6 „sehr intensiv“. Den exakten Standort fanden die Telegrafenfreunde aus Potsdam mit Hilfe von Recherchen, Berechnungen und Vermessungen. Mit den Telegraphenfreunden vor Ort suchte Groch nach Überresten der alten Station. Sie fanden tatsächlich Ziegelsteine mit dem Stempel der Ziegelei „Moetzow“, der Beweis für die Station. Die Steine sind heute in einem Nachbau des vermuteten Grundrisses der Station 6 eingebaut. Inzwischen ist der Platz vor der ehemaligen Station aufwendig gepflastert und wieder ein Treffpunkt für die Jugend. Mit alten Ziegeln aus Deetz wurde der Signalmast in Originalgröße in das Pflaster eingelassen. Er signalisiert eine wichtige Meldung vom Chef. An der Stelle der originalen Station gibt es Schautafeln. Der heutige Telegrafenberg ist Ausganspunkt für den neuen Telegraphenrundweg zu Orten aus der Geschichte Schenkenbergs.

Doch die inzwischen bundesweit organisierten Telegraphenfreunde denken schon einen Schritt weiter. Gegenwärtig arbeiten sie an der Fortsetzung des bereits in Sachsen-Anhalt bestehenden Telegraphenradweges im Land Berlin und Brandenburg von den Stationen 1 bis 9. Das Gesamtprojekt soll einmal ein verbindendes Band über die ehemals 62 Stationen von Berlin bis Koblenz über 588 km ( Luftlinie ) schaffen. Einen informativen Flyer und gute Informationen im Internet u.a. unter www.optischertelegraph4.de gibt es bereits. Aktuell sprechen sie notwendige Verbündete in den Gemeinden und Verwaltungen an, um die Streckenführung zu ermöglichen. „Das liegt uns sehr am Herzen“, ist Groch begeistert und begeistert andere.

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