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Narrenpredigt
Pfarrer Geißler schwingt nicht das Tanzbein

Rund 80 Besucher ließen sich die Narrenpredigt nicht entgehen.
Rund 80 Besucher ließen sich die Narrenpredigt nicht entgehen. © Foto: B. Kraemer
Bärbel Kraemer / 09.03.2019, 09:00 Uhr
Niemegk "In unserer Kirchenzeitung ist der Narrengottesdienst mit Tanzeinlagen und Büttenreden angekündigt. Mit allem kann ich nicht dienen", so Pfarrer Daniel Geißler in der Niemegker Kirche. Über das Versehen ärgert er sich nicht. Stattdessen offenbart er, kurze Zeit darüber nachgedacht zu haben, ob eine Tanzeinlage hätte verwirklicht werden können. Er entschied sich dagegen. Die Ankündigung der Büttenrede betreffend sagt er, sei diese eigentlich gar nicht so falsch. Schließlich haben Kanzel und Bütt als Rednerpulte eine grundsätzliche Gemeinsamkeit.

Knapp 80 Gottesdienstbesucher sitzen zu diesem Zeitpunkt in den Bänken der Kirche. Unter ihnen eine ganze Reihe Karnevalisten, hinter denen einen kurze Nacht liegt. Die hatte auch der Pfarrer, weil er während der fünften Jahreszeit als Karnevalist in der Bütt des Niemegker Carnevalclubs (NCC) steht.

Zum Ausklang der närrischen Zeit hält er jeweils am letzten Sonntag vor der Passionszeit eine Predigt in gereimter Form. In diesem Jahr schon in sechster Auflage stattfindend. Gleich zu Beginn hat er eine Überraschung für die Karnevalisten parat. Er erbittet von Annemone Schulze, die den Gottesdienst auf der Orgel begleitet, ein musikalisches C. "Das ist ein besonderes C, dass ist das NCC, euer Ton", so Geißler - den Karnevalisten damit für ihre Spende zur Sanierung der Kirchenorgel dankend.

Als der Ton verklungen ist, nimmt der Narrengottesdienst mit Musik, Gebet und gereimter Predigt seinen Lauf. Letztere hält eine neuerliche Begegnung mit dem fiktiven Ehepaar Hilde und Heinz bereit. Das Thema der Jahreslosung "Suche Frieden und jage ihm nach!" hat er der Begegnung zu Grunde gelegt. Die Gottesdienstbesucher finden sich in dieser Folge mitten im Leben einer Familie wieder, die irgendwo im Städtchen hätte zu Hause sein können; die Krach- und Friedenszeiten miteinander erleben.

Er nennt sie Ziege, sie ihn Schafskopf - was der Nachbarschaft nicht verborgen bleibt. Dabei war Heinz vor drei Jahrzehnten ein Friedensmann und Hilde eine Art Friedensfrau. Was zu DDR-Zeiten nicht ganz ungefährlich war. Heinz fuhr zu den Montagsdemos nach Leipzig. Hilde, die mit den Kindern daheim blieb, bangte um ihren Mann. Noch heute ist sie stolz darauf. Doch "hört Heinz eine Taube gurren, fängt er an zu murren", so Geißler in der Predigt. Warum? Weil Heinz Bruder Herbert Tauben züchtet. Das machen nach seiner Ansicht nur Idioten. Warum? Weil Tauben alles verkoten. Seit fünf Jahren haben die beiden kein Wort mehr miteinander gesprochen. Als Heinz 64. Geburtstag bevorsteht, soll gefeiert werden - sagt Hilde, die schon alles vorbereitet hat. Gegen Heinz Willen. Als der die Kaffeetafel absagen will und zum Telefon greift, verwählt er sich. Statt des Lokals ist die Schwägerin am anderen Ende der Leitung. Erst herrscht Schweigen - wie in den Kirchenbänken, wo die Gottesdienstbesucher dem Pfarrer an den Lippen hängen. Dann schließt Heinz Frieden und lädt den Bruder und dessen Frau zu seinem Geburtstag ein. In diesem Augenblick lässt sich vor seinen Augen auf dem Fensterbrett eine Taube nieder. Eine Friedenstaube? Darüber, so der Pfarrer, solle sich jeder seine eigenen Gedanken machen und ermuntert, den Frieden tagtäglich neu zu suchen.

Die närrische Predigt wird im Anschluss mit viel Applaus bedacht. Geißler, noch auf der Kanzel stehend, lässt die Gottesdienstbesucher mit lachendem Gesicht gewähren. Erst nach geendetem Applaus sagt er: "Paulus schrieb an die Apatschen, ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen"!

Nach dem Segen gehen alle ihrer Wege. Die Niemegker Christen an den heimischen Mittagstisch und die Niemegker Jecken in den Lindenhof, wo sie am Nachmittag die Senioren mit ihrem karnevalistischen Treiben vergnügen und damit auch den Worten des Pfarrers "Genießt das Schöne, pflegt das Lachen" folgen.

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