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Sanierung
Ein langes Orgelleben - mit vielen Höhen und Tiefen

Bärbel Kraemer / 12.03.2019, 08:00 Uhr
Niemegk "Das ist das Feld der Agrargenossenschaft und dort, da ist das närrische C. Die Sanierung dieser Orgelpfeife hat der Niemegker Carnevalsclub gesponsert", so Pfarrer Daniel Geißler. Die Bundestagsabgeordnete der CDU, Dr. Dietlind Tiemann, ist bei ihm in der Niemegker Kirche zu Besuch, um sich über den Stand der Orgelsanierung zu informieren.

Für ihren Besuch auf der Empore unterbrechen die Orgelbauer Rainer Nass, Tobias Herold und Norbert Lindenberg für kurze Zeit ihre Arbeit. Sie stehen wie der Pfarrer als Gesprächspartner zur Verfügung und loben das Werk des Niemegker Orgelbaumeisters Baer in höchsten Tönen. Im Jahr 1853 hatte letzterer für die Kirche seiner Heimatstadt eine Orgel gebaut. Ein wahrhaft königliches Instrument, dass heute das größte im gesamten Landkreis Potsdam-Mittelmark darstellt.

Mit Blick auf die Sanierungsarbeiten kommt natürlich auch das Schicksal der Orgel zur Sprache. Nachdem bereits im Ersten Weltkrieg die Orgelpfeifen abgegeben werden mussten, lag die Niemegker Kirche während des Zweiten Weltkrieges unter Kriegsbeschuss. Der Kirchturm wurde beschädigt und die Orgel stark in Mitleidenschaft gezogen. Als das Instrument in den 1950er Jahren endlich wieder hergerichtet werden sollte, erfolgten umfassende Veränderungen, die der Orgel jedoch nicht zum Vorteil gereichten. Seitdem schlugen in ihr zwei Herzen - jedoch nicht mit, sondern stets gegeneinander. Diese Disharmonie wollte die Kirchengemeinde bereits in den 90er Jahren beseitigen lassen. Auf knapp 400.000 D-Mark wurde die erforderliche Restaurierung damals beziffert. Zu viel für die kleine Gemeinde, die das Instrument in dieser Folge nur notdürftig sanieren lassen konnte. Rainer Nass war einer der Orgelbauer, die damals an der Orgel arbeiteten. Er erzählt, wie traurig es sich auch für ihn anfühlte, 1998 hunderte ausgebaute Orgelpfeifen in Kartons eingelagert auf der Empore zurücklassen zu müssen.

Als er im Herbst 2017 erfuhr, dass die Niemegker einen erneuten Anlauf starten und ihre Orgel Originalgetreu sanieren lassen wollen, bat der pensionierte Orgelbauer seinen früheren Arbeitgeber darum, bei den anlaufenden Arbeiten dabei sein zu dürfen. Dem Wunsch des mittlerweile 76-Jährigen wurde stattgegeben und Rainer Nass in die Sanierungsarbeiten eingebunden.

Mittlerweile sind drei Bauabschnitte dank großzügiger Förderungen und Spenden erfolgreich abgeschlossen. Rainer Nass verrät bei der Gelegenheit, dass auch er im vergangenen Jahr eine  Orgelpfeifenpatenschaft übernommen hat.

In 2020 soll die komplette 240.000 Euro teure Sanierung der größten Kirchenorgel des Landkreises beendet werden. "Das ich das noch erlebe, habe ich mir immer gewünscht", sagt Nass. Damit der dazu erforderliche vierte Bauabschnitt begonnen werden kann, hofft Pfarrer Daniel Geißler noch einmal auf positive Fördermittelzusagen.

Tiemann nimmt sich viel Zeit, um mit den Männern über die Orgel, das Handwerk und die Finanzen zu reden. Was sie in der Niemegker Kirche gesehen und erfahren hat, will sie mit nach Berlin nehmen und an entsprechender Stelle einbringen.

Dann wird die Bundestagsabgeordnete mit einer kleinen musikalischen Kostprobe beschenkt. Auf der Empore der St. Johanniskirche lauscht sie den romantischen Klängen eines faszinierenden Instruments. Später geht die Arbeit an und in der Orgel weiter. Augenblicklich sind die Fachleute der Firma Schuke damit beschäftigt, weitere restaurierte Orgelpfeifen einzubauen und zu intonieren. Einem Ton fiebert Rainer Nass besonders entgegen: Der Trompete acht Fuß im Manual. "Ich bin so gespannt wie sie klingt", sagt der 76-Jährige und erklärt, dass auch diese Pfeife Opfer der Umbauarbeiten in den 1950er Jahre wurde. Durch die Orgelbauer saniert, muss sie noch eingebaut und gestimmt werden - um danach Teil des großen ganzen Werkes zu sein. Genau so, wie Baer es 1853 verwirklicht hatte.

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