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Demonstration
Waldgemeinden protestierten gegen geplanten Gifteinsatz

Andreas Trunschke / 30.04.2019, 08:00 Uhr
Fichtenwalde Die Öffentlichkeit hat die neugegründete Bürgerinitiative Naturwald jedenfalls schon einmal erreicht. Der rbb schickte seinen blauen Robur vorbei, als am Freitagnachmittag am Ortsrand von Fichtenwalde über 300 Menschen gegen den vorgesehenen Einsatz von "Karate Forst flüssig" rund um Fichtenwalde, Borkwalde und Borkheide protestierten.

Moderatorin Ismahan Alboga musste die Anwesenden nicht lange um ihre Meinung bitten. Andreas Koska von den GRÜNEN war extra aus Cammer nach Fichtenwalde gekommen. Er forderte, "den Erholungswald nicht zu vergiften." Anke Goette aus Borkheide befürchtete, "dass das ganze Ökosystem durcheinander gerät und wir immer wieder Gift brauchen werden." Petra Rimböck aus Fichtenwalde und Mitglied der Bürgerinitiative fragte, "warum in den letzten Jahren nichts verändert wurde".

Andere verwiesen darauf, dass der Hubschrauber sich beim letzten Einsatz verflogen hatte, der Einsatz abgebrochen werden musste und der Wald dennoch steht.

Auch zahlreiche Forstleute waren gekommen und stellten sich den Fragen und Meinungen, allen voran Hubertus Kraut, der Direktor des Landesbetriebs Forst Brandenburg. Als Förster freute er sich "über die hohe Identifikation der Bevölkerung mit dem Wald", verwies aber auf die Beobachtungen der Nonne, die Wissenschaft und die jahrelange Erfahrung der Förster. Zur Frage, warum bisher noch nicht informiert worden war, nannte er auf das noch laufende Monitoring zur Festlegung der Flächen sowie auf das ausstehende Genehmigungsverfahren als Gründe. Vor allem aber warb er immer wieder für das Vorhaben der Forst: "Wenn der Wald abstirbt, holen die Waldbesitzer das Holz raus, Erosion setzt ein, und es fehlt der Humus für die Neuanpflanzungen." Eiche und Buchen bräuchten außerdem einen funktionierenden Überstand, um sich zu entwickeln. Kathrin Möller, Leiterin Forstschutz Eberswalde, verwies außerdem darauf, dass es in den betroffenen Zauche-Wäldern gegenwärtig keine ausreichende Anzahl an Gegenspielern wie der Schlupfwespe gibt: "Wir würden gern ein weniger starkes Mittel sprühen, aber es steht uns keins zur Verfügung." Außerdem verschärfe die Trockenheit des letzten und des jetzigen Jahres das Nonnen-Problem zusätzlich.

Als einziger Waldbesitzer gab sich Karl Tempel zu erkennen. Von allen anerkannt hat er sich seit Jahren vorbildlich um den Waldumbau gekümmert: "Ich habe alle Schädlinge im Wald und nichts passiert. Bei mir wüten alle, auch die Gegenspieler." Bisher konnte kein außergewöhnlicher Nonnenbefall in seinen Wäldern aufgefunden werden. Trotzdem soll auch sein Wald besprüht werden.

Einig wurde man sich am Waldrand in Fichtenwalde nicht. Immer wieder wurde von den Anwesenden der unzureichende Waldumbau der letzten Jahre angeprangert, auch wenn allen klar ist, dass das eine Aufgabe für mehrere Generationen ist. Mit allen Argumenten konnten die zahlreich anwesenden Forstleute die Demonstranten nicht überzeugen. "Geht es um ein Ökosystem Wald oder doch nur um den Wirtschaftsstandort Wald", fragte der Landesvorsitzendes des NABU Brandenburg, Friedhelm Schmitz-Jersch, und setzte hinzu: "Der Wald dient nicht nur wirtschaftlichen Interessen, sondern auch der Erholung und dem Naturschutz." Viele misstrauen der Politik und der Wissenschaft. Sie verwiesen auf zahlreiche Erfahrungen, verwiesen auf Contergan und Glyphosat. Unbeantwortet blieb mangels entsprechender Fachleute vor Ort die Frage, was sich bei einem Waldbrand aus "Karate Forst flüssig" für eine Substanz entwickeln würde.

Noch ringt die Forstverwaltung darum, die Flächen so klein wie möglich zu halten. Wenn es soweit ist, werden die Menschen über die Medien und über das Internet informiert. Der zu besprühende Wald wird mit Warnschildern abgesperrt und darf zwei Tage lang nicht betreten werden. Von Kraut wurde zugesichert, dass der Hubschrauber 125 statt der erforderlichen 25 Meter Abstand zu Wohnbebauungen einhält.

Dennoch hoffte Hubertus Kraut vergeblich "auf die Solidarität mit den Forstleuten, die wie die Feuerwehrleute um den Erhalt des Waldes kämpfen". Er blieb bei seiner Überzeugung, dass es keine Alternative gibt: "Wir haben die Absicht zu sprühen." Immerhin bekamen er und seine Leute trotzdem viel Beifall dafür, dass sie sich dem Protest gestellt hatten.

Zum Abschluss bündelte Thilo Köhn, Ortsvorsteher und Mitglied der Bürgerinitiative, die Forderungen der Umstehenden für die Zukunft: Man brauche gesetzliche Regelungen, um die Waldbesitzer zum Waldumbau zwingen zu können. Fördergelder sollte es nur noch geben, wenn ein Waldumbau erfolgt. Das Land sollte selbst wegkommen vom rein ökonomischen Denken in Bezug auf den Wald.

Man will im Gespräch bleiben, auch wenn Kraut es für unwahrscheinlich hielt, dass der eine den anderen dabei überzeugen könnte. Köhn sicherte die Gesprächsbereitschaft der Bürgerinitiative zu.

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