Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Stolpersteine
Zur mahnenden Erinnerung an zwei ehemalige Belziger

Bürgermeister Roland Leisegang, der Künstler Gunter Demnig, Benjamin Stamer, Günter Baaske (v.l.n.r.) und Wolf Thieme (hi.) von der Projektgruppe Jüdisches Leben an den frisch verlegten Stolpersteinen in der Sandberger Straße 10.
Bürgermeister Roland Leisegang, der Künstler Gunter Demnig, Benjamin Stamer, Günter Baaske (v.l.n.r.) und Wolf Thieme (hi.) von der Projektgruppe Jüdisches Leben an den frisch verlegten Stolpersteinen in der Sandberger Straße 10. © Foto: B. Kraemer
Bärbel Kraemer / 20.07.2019, 13:00 Uhr
Bad Belzig Rund 70 Menschen versammeln sich am Dienstag Vormittag vor dem Wohn- und Geschäftshaus in der Sandberger Straße 10 in Bad Belzig. Der Gehweg auf beiden Straßenseiten vermag die vielen Menschen kaum zu fassen. Vor dem Haus ist im Gehweg ein kleines Quadrat aufgenommen. Mitarbeiter des städtischen Bauhofs unterstützen den Künstler Gunter Demnig, der dort zwei kleine Messingplatten mit Inschrift verlegt. Sie sind Ida und Rudi Sachs gewidmet, die bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 ein ganz normales Leben in der Stadt führten.

"Stolpersteine sind eine der brillantesten Ideen, die die Erinnerungskultur hervorgebracht hat", sagt Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos). In 26 Ländern der Erde hat Gunter Demnig bereits Stolpersteine verlegt. Eine Zahl die ahnen lässt, welches Elend die Nazis über Deutschland und die Welt brachten.

In Bad Belzig wird er am Dienstag zum zweiten Mal ein Stolperstein verlegt. Seit 2017 erinnert in der Straße der Einheit ein solcher an Dagobert Bornheim.

Während Demnig arbeitet, dankt Leisegang der Projektgruppe "Jüdisches Leben", die das Schicksal von Ida Sachs und Sohn Rudi erforschte.

Ida Sachs Ehemann Hugo, Sozialdemokrat und Stadtverordneter in Belzig, war bereits 1925 an seinen Verletzungen aus dem Ersten Weltkrieg gestorben. Nach seinem Tod führten die Witwe und der Sohn Rudi "Herrnberg´s Warenhaus", das Textilgeschäft der Familie, weiter.

Während der Pogromnacht am 9. November 1938 barsten auch dort die Schaufensterscheiben. Rudi Sachs konnte in jener Nacht mit knapper Not über das Dach fliehen. Mutige Nachbarn verhinderten, dass das Haus angesteckt wurde. Dennoch geriet Rudi Sachs wenig später in die Fänge der Nazis. Er wurde wegen "Verursachung von Unruhe" in "Schutzhaft" genommen und kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort wurde von ihm die Einwilligung zum Verkauf des Anwesens erpresst. 1939 gelang ihm von Genua aus mit dem Schiff nach Shanghai (China) die Flucht. Ida Sachs zahlte "Reichsfluchtsteuer" und "Judenvermögensabgabe" und konnte ihrem Sohn 1940 folgen. Sie starb 1944. Als der Krieg zu Ende war, immigrierte Rudi Sachs in die USA und ließ sich in San Francisco nieder, wo er in den 1990er Jahren verstarb.

Die Erinnerung an Belzig ließ Rudi Sachs nie los. Bis zu seinem Tod erkundigte er sich bei ehemaligen Nachbarn, Schulkameraden und Bekannten, "was aus Freunden und Feinden geworden ist", so Tabea Wedel, die während der Stolperstein Verlegung aus den Ergebnissen der Forschungsarbeit liest.

Im August des vergangenen Jahres waren die in den USA lebenden Nachfahren der Familie Sachs in Bad Belzig zu Gast. Die Familie Knauf sah sich in der Marienkirche die von der Projektgruppe erarbeitete Ausstellung zum Thema "Jüdisches Leben in der Region Belzig  1933-1945" an und erfuhr vom Stolperstein, mit dem an Dagobert Bornheim erinnert wird. Beim Gang durch die Stadt mit Benjamin Stamer äußerte Karen Knauf den Wunsch - der Bruder ihres Großvaters Moritz war der 1925 verstorbene Belziger Hugo Sachs - dass es schön wäre, wenn mit einem Stolperstein auch an Ida und Rudi Sachs erinnert werden könnte. Dieses Ziel hatte sich die Projektgruppe "Jüdisches Leben" um Benjamin Stamer und Wolf Thieme ebenfalls vorgenommen.

Zur Verlegung der beiden Stolpersteine konnte die Familie Knauf leider nicht kommen. Aber sie sandte eine Grußbotschaft. Ruth Ritter aus Bad Belzig gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die sich noch an die Familie Sachs und an das Geschehen am 9. November 1938 erinnern können. Am Tag nach der Reichspogromnacht ging sie an der Hand ihrer Großmutter zum Einkauf. Schon von weitem sahen sie die zerschlagenen Schaufensterscheiben auf dem Gehweg und auf der Straßenseite liegen. Die Großmutter wechselte mit dem Kind an der Hand die Straßenseite. "Du bist jetzt ganz still, sagte sie zu mir", so die 85-Jährige. Obgleich die Schaufenster längst in Scherben lagen, warfen Menschen noch immer Steine in das Geschäft. "Ich sehe die Steine noch fliegen. Es war fürchterlich. Das vergisst man nicht", so Ruth Ritter.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG