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Historisches
Eis aus Norwegen für Bierkeller

Manfred Lutzens / 21.07.2019, 11:40 Uhr
Brandenburg Als in Brandenburg der Weinanbau und somit zugleich die Kelterei nach fast 650 Jahren der Vergangenheit angehörten, rückte speziell am Ostabhang des Marienbergs der Gerstensaft bald in den Mittelpunkt. Auf das Brauereihandwerk - eine Gilde dieses Berufszweiges existierte in der Altstadt bereits seit 1473 -, verstand sich nämlich bestens der couragierte Unternehmer Zimmermann. So ließ er vor nunmehr genau 125 Jahren in der Bergstrasse 10 ein Brauhaus samt Kesselanlagen, Eiskeller sowie Wohn- und Bürogebäude errichten. Das war anno 1894 gewissermaßen die Geburtsstunde der späteren Adler-Brauerei. Doch schon weitaus vorher floß in diesem "Revier" oberhalb der Wallpromenade das Bier. So berichtete der Berliner Rolf-Hermann Thomas nach intensiver Forschungsarbeit in unserer Stadt davon, dass sich dort bereits um 1800 die Ahlertsche Brauerei befand. Mit Lagerkellern, Bayerischem Bier sowie einer Ausschankstelle. Genau auf jenem Gelände, wo später einmal "Ahlerts Berg" und das Sommertheater berühmt werden sollten. Seit fast 100 Jahren befindet sich dort nun jedoch das Marienkrankenhaus, heute Caritas-Klinik St.Marien.

Die besagte neue Brauerei in der Bergstrasse Nr. 10 wurde von Firmeninhaber Zimmermann dereinst aber schon nach zwei Jahren veräußert. Als Besitzer zeichneten sich fortan der weitgereiste bayerische Wirtssohn Ottomar Dirr sowie Karl Kirchmayer. Sie ließen das zur idealen Bierlagerung in den Firmenkellern benötigte Natureis damals oft sogar aus Norwegen (!) heranschaffen. Denn längst nicht in jedem Winter "lieferten" die Havelgewässer ausreichende Mengen. Bald entwickelte sich die Kaiser-Brauerei Dirr & Co. zur größten in der Stadt. Sie war geschätzter Produzent von Fassbier - nach der Jahrhundertwende kam Flaschenware hinzu -, so u.a. für die Plauer Schlossbrauerei und ins sächsische Dommnitzsch. Dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges folgte ein herber Dämpfer der Hochkonjunktur in diesem Unternehmen, das seit 1912  als Dirr & Co. firmierte. Da musste Bier, bedingt durch den Mangel an Braugerste,  beispielsweise nun sogar aus Kohlrüben gebraut werden. Aber es folgten wieder bessere Zeiten. So trug während der 20er Jahre eine moderne technische Ausrüstung maßgeblich zum erneuten Produktionsaufschwung bei. Inzwischen gehörten der Brauerei auch etliche Grundstücke in unserer Stadt. Nach den "Adler-Terrassen" mit ihrem riesigem Gartenrestaurant am Marienberg-Hauptaufgang kamen einige kleinere Lokale hinzu. Dazu gehörten ab 1921 der "Adler-Bräu" an der Ecke Kur-/Gorrenbergstrasse (heute "Agentenzentrale"), das "Plauer Eck" und die Gaststätte "Goldener Anker" in der Bäckerstrasse.

Zur 1000-Jahr-Feier der Stadt (1929) präsentierte die Getränkefirma eine Ausstellung, und im Festumzug rollten einige der typischen, Pferde bespannten Bierwagen. Von diesen prangte, wie der hiesige "Anzeiger" schilderte, die Aufforderung "Brandenburger, trinkt Euer Adler-Bräu!". Neben Doppel- und Adler-Bock, Märzen-Bier, Duplikator-Bräu sowie Malzbier mit dem Etikett "Dem Gesunden zur Erfrischung" gehörten weitere eigene Sorten zum Sortiment. Ergänzt wurde die Angebotspalette durch etliche auswärtige Abfüllungen.  Galt es doch, immerhin 130 Hotels und Gaststätten in der Region zu beliefern; Konditoreien nebst Kaffeehäusern standen ebenfalls auf dem Tourenplan. Äußerst folgenschwer wirkte sich wie allerorts die Weltwirtschaftskrise (1929) aus. Nach dem Tod von Firmengründer Ottomar Dirr setzte Sohn Gerhard als Brauereichef gemeinsam mit Kurt Röthig aber optimistisch auf die Zukunft. Doch beide verstarben schon 1939. Der drei Jahre später in eine Kommanditgesellschaft umgewandelte Betrieb wurde ein weiteres Mal, nun von den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, hart getroffen. Dabei beging man trotz denkbar schlechter Bedingungen immerhin noch das 50-jährige Bestehen der Firma am 14./15. August 1944. Während der Kriegszeit war von "Adler", wo inzwischen Friedrich-Wilhelm Wolf verantwortlich war, die Brauerei Dauter (Kurstrasse) übernommen worden. Sie musste ihr Flaschenbier sogar zu den Wehrmachtssoldaten bis an die Front liefern. Letzte Kampfhandlungen in unserer Stadt führten dazu, dass Anfang Mai 1945 - so der Berliner Rolf-Hermann Thomas -, weder Fuhrpark noch Pferde verfügbar waren. Äußerst mühsam gestaltete sich der Wiederbeginn, selbst beim Herstellen einfacher Limonaden. Dennoch hieß es, den "Lieferwünschen" der Sowjets aus der Brandenburger Garnison nachzukommen. Im Laufe des Jahres 1947 gelang es, den Ausstoß von Fassbier und Flaschenware auf nahezu Dreiviertel der Vorkriegsmenge zu bringen. Mit 23 Gespannen wurden die Stadt- und Landliefertouren bis hin nach Belzig, Groß Kreutz sowie Premnitz absolviert. Die Währungsreform 1948 vereitelte den notwendigen Umbau der Technik, zum anderen konnte die zeitweilig treuhänderisch geführte Brauerei etliche Kredite nicht mehr bedienen. Selbst ihr 75-jährige Jubiläum gestaltete sich da für Peter Dirr - mittlerweile Betriebsleiter -, und die Belegschaft alles andere als freudig. Aber zumindest wies ein mit dem Firmenlogo gestaltetes Bierglas darauf hin. Wiederholt berichteten die "Brandenburgischen Neuesten Nachrichten" über Höhen und Tiefen des Unternehmens. Aber zugleich war dann auch von gewissen Tücken des stets ab November erhältlichen hellen wie auch dunklen Adler-Bockbiers mit seiner höheren Stammwürze und einem Alkoholgehalt von mindestens 7% zu lesen. Erinnert sei daran, dass die Brauerei einst u.a. vom BSC 05 (später Motor Süd) sowie später beim Brandenburger Karnevals-Club, dessen Elferrat Peter Dirr für einige Sessionen angehörte, als Partner sehr geschätzt wurde. Nach immer mehr realitätsfremden, unerfüllbaren Auflagen seitens dreister SED-Wirtschaftsstrategen folgte schließlich der "letzte Akt". Anfang Mai 1972 vereinnahmte der Staat auch diese Firma mit ihren Lokalen und Grundstücken. Doch die Querelen gingen weiter. So entband man Ende 1978  Peter Dirr als Direktor einer Brauerei, die inzwischen in den "VEB Getränkeproduktion Brandenburg" integriert worden war. Bald folgte eine Sperre der technischen Anlagen, und es reichte fortan nur noch zu Fass-Abfüllungen.

Nach der friedlichen Revolution (1989) wurde das Firmeneigentum rückübertragen. Vergeblich indes die Bemühungen, den Betrieb, der ein Stück so umfangreicher Brauereigeschichte mitgeschrieben hatte, wieder zu beleben. Heutzutage befindet sich auf dem Gelände der zuvor abgerissenen "Adler-"Gebäude eine Seniorenresidenz.

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