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Wurmkur
"Wir machen Geschichte länger haltbar!"

Bärbel Kraemer / 09.08.2019, 09:35 Uhr
Garrey/Boßdorf Seit kurzem sind die Kirchen in Boßdorf und Garrey wieder geöffnet. Sie wurden in den vergangenen Jahren bereits aufwendig saniert und mussten sich in der vergangenen Woche noch einer abschließenden "Wurmkur" unterziehen.

"Es ging darum, sie zu schützen und den vorhandenen Holzwurmbefall zu beenden", erklärt Niemegks Pfarrer Daniel Geißler, der die Arbeiten in Auftrag gab. In dieser Folge wurden die Kirchen vom 29. Juli bis 3. August isoliert, die Fachleute sagen "eingehaust" und mit dem giftigen Gas Sulfuryldifluorid behandelt. Die Arbeiten führte die Dresdener Firma GROLI aus. Während dieser Zeit mussten strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden; niemand durfte die Kirchen betreten oder die Absperrungen übertreten. Die Mitarbeiter der Firma überwachten die Begasungsaktion wiederum mit hochmoderner Computertechnik. "Für Menschen und Tiere im Umfeld der Kirche ging von der Behandlung keine Gefahr aus", betonte Geißler. "Wir machen Geschichte länger haltbar", erläuterte der verantwortliche Begasungsleiter der Firma, der Dipl.-Ing. Marco Müller über die Arbeiten und das Tätigkeitsfeld des Unternehmens.

Denn ohne Begasung hätte sich der Holzwurm - konkret der Gemeine Nagekäfer und dessen gefräßigen Larven die gemeinhin als Holzwürmer bezeichnet werden - in Boßdorf und Garrey weiter durch die Kirchen gefressen. Sie machen vor nichts Halt und hinterlassen große Schäden.

Als die Begasungsaktion endete, die Sensoren der computergesteuerten Messtechnik an verschiedenen Punkten im Kircheninnern anzeigten dass das Gas "zerfallen" und damit nicht mehr nachweisbar war, durfte die Kirche wieder betreten werden. "Das Gas Sulfuryldifluorid ist geruch- und farblos. Es tötet die Insekten in jedem Stadium", ergänzt Uwe Krell von der Firma GROLI während er in der Garreyer Kirche ordentlich lüftete und die Einhausung zurückbaute.

Mit einer gasdichten Folie war sie zuvor verklebt worden. "Das Gas wurde von außen in die Kirche geleitet", sagt Krell und zeigt auf Schläuche und Messtechnik in den Kirchenfenstern.

Auf einigen Kirchenbänken liegt noch Holzmehl, das die gefräßigen Larven hinterlassen haben. Krell ist sich sicher, dass den winzigen Tierchen der Garaus gemacht wurde und sie in der Kirche keinen weiteren Schaden mehr anrichten können. Dann zeigt er auf kleine versiegelte Holzblöcke, die durch die Firma an unterschiedlichen Stellen ausgelegt wurden und über den gesamten Begasungszeitraum in der Kirche geblieben waren. "Das sind Prüfkörper", so Krell. Er erläutert, dass die Holzblöcke nach der Begasung in einem Prüflabor in Eberswalde untersucht werden. Wird dabei festgestellt, dass die darin vorhanden gewesenen Holzschädlinge die Begasung nicht überlebt haben, wird ein Zertifikat ausgestellt, dass die Prozedur erfolgreich war. Dass sie erfolgreich war, steht für Krell, der seit 27 Jahren in diesem Metier tätig ist, zu diesem Zeitpunkt mit Blick auf die gesammelten Computerdaten bereits außer Zweifel.

Danach konnten auch die vielen kleinen Schätze aus den Kirchen in Bossdorf und Garrey abgeholt werden, die bei der Gelegenheit gleich mit begast wurden. Im Vorfeld hatte Pfarrer Daniel Geißler bekannt gegeben, dass im Rahmen der professionellen Schädlingsbekämpfungsaktion die Möglichkeit besteht, private Einrichtungsgegenstände gegen eine kleine Spende von Holzwürmern mit befreien zu lassen. "Das ist durchaus üblich. Ich hatte das schon während meines Vikariats in Görlitz miterlebt", so der Pfarrer. Bei der Gelegenheit kommt er auf die Kirche im Nachbardorf Zixdorf zu sprechen, wo es dem Holzwurm bereits vor zwei Jahren an den Kragen ging. "Ich erinnere mich, dass wir damals in Zixdorf die gesamten Teile der Hohenwerbiger Orgel mit eingestellt hatten", so Geißler.

Und so hatte sich sein Angebot auch herumgesprochen. Die Gruboer ließen beispielsweise ihr Taufbecken mitbehandeln. Diverse Bilder, Truhen, Kommoden, Instrumente, ja sogar eine alte Kindereisenbahn stehen auf den Kirchenbänken oder im Kircheninnern und warten nach der Begasung auf ihre Abholung. Sogar das Dresdener Hygienemuseum hatte das Angebot angenommen und einige für eine neue Ausstellung vorgesehen Teile zur Behandlung eingestellt. "Es ist eine preiswerte Alternative, auch für Museen", sagt Marco Müller und erzählt, dass beispielsweise Thomas Müntzers Predigerkanzel bei einer Kirchenbegasung in der Nähe von Finsterwalde "mitbehandelt" und auch die Marienbibliothek in Halle - die älteste deutsche Kirchenbibliothek - durch die Experten von GROLI "länger haltbar" gemacht wurden.

Für Uwe Krell sind die Arbeiten in Garrey und Bossdorf dann auch bald beendet. In der kommenden Woche wird er schon wieder in einem anderen Zipfel Deutschlands arbeiten. "Wir sind im ganzen Land unterwegs. Und darüber hinaus", sagt der Fachmann der über seinen Job schon so manchen Kunstschatz zu Gesicht bekam, vor denen Holzwürmer keinen Respekt hatten.

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