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Landgericht Potsdam
War Vorfall in Brück versuchter Mord?

Der Prozess begann am Donnerstag am Landgericht unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.
Der Prozess begann am Donnerstag am Landgericht unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. © Foto: dpa
Ingmar Höfgen / 20.02.2020, 15:00 Uhr - Aktualisiert 20.02.2020, 16:20
Potsdam/Brück (MOZ) War es ein versuchter Mord, den Ismail S. begangen hat – oder doch nur eine Überreaktion auf einen Angriff seines Gegenübers? Seit Donnerstag verhandelt das Landgericht Potsdam über einen Vorfall zwischen zwei Tschetschenen in der Küche des Brücker Asylbewerberheims im Juni 2019. Am Ende hat es laut Staatsanwaltschaft einen mit sechs bis acht Messerstichen verletzten Mann gegeben und einen Angeklagten, der diesen Mann heimtückisch und aus Habgier versucht haben soll umzubringen.

Die zwei Varianten der Ereignisse klingen derzeit so: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Ismail S. sich in die Küche des Heimes am Gregor-von-Brück-Ring geschlichen, dort auf seinen Bekannten M. gewartet, soll dann mit sechs bis acht Mal auf dessen Hals eingestochen und ihn anschließend getreten haben. Dabei soll er unter anderem "Du bist schwul." und "Ich werde Dich umbringen." gesagt und ihm das Recht zu Leben abgesprochen haben. Das Opfer hatte sich 2017 als homosexuell geoutet und wollte vom Angeklagten und dessen Mutter 600 Euro zurück haben, die er ihnen geborgt hatte.

Ganz anders klang allerdings, was der Angeklagte seinen Verteidiger vorlesen ließ. Danach hätte der Geschädigte M., der etwa zehn Jahre älter sei als er, beleidigende und demütigende Dinge über den Angeklagten und seine Familie behauptet. Das sei auf der social-media-Plattform Instagram geschehen, wo zahlreiche russische und tschetschenische Geflüchtete M. gefolgt seien. Auch die Schulden von 600 Euro seien eine Erfindung.

Zwei Mal will Ismail S. mit M. gesprochen haben – beide kannten sich schon einige Jahre aus unterschiedlichen Asylbewerberheimen, und S. will M. mehrfach finanziell geholfen haben. M. habe immer wieder versprochen, bestimmte Äußerungen nicht zu wiederholen, Hilfe von einem Imam habe er aber abgelehnt. Familie S. hätte M. auch bei der Polizei angezeigt, aber nichts sei passiert. Dennoch tauchten immer neue Postings auf. Deshalb hatten sie sich noch ein drittes Mal im Asylbewerberheim Brück verabredet. Dort habe Ismail S., der dort auch mal lebte, sich am Wachschutz vorbei von hinten ins Haus geschlichen und in der Küche gewartet. Schließlich sei auch M. dorthin gekommen. Dieser habe einen Krug in der Hand gehabt, die Tür hinter sich zugemacht und nach dem Angeklagten geworfen, diesen aber verfehlt. Dann habe M. etwas aus der Küchenschublade gegriffen. Er habe zwei, drei Stechbewegungen wahrgenommen, sagte der Angeklagte, dann M. hochgehoben und auf den Rücken geworfen. "Es wurde dunkel vor meinen Augen" las S.s Verteidiger vor – dann habe S. den Gegenstand genommen und mehrfach auf M. eingeschlagen. Wie oft, wisse er nicht. Dann sah der Angeklagte auf seine Hände, sie waren blutverschmiert. Er habe von M. abgelassen, seine Schuhe angezogen, sei auf den Flur gelaufen, laut nach Arzt und Polizei gerufen und sei dann in den Wald getürmt.

Dort habe er sich jenen Gegenstand angesehen, klein, ein schwarzer Griff, nicht spitz. Er warf ihn weg. Dann rief er seinen Bruder in Berlin an, fuhr mit dem Zug zum Berliner Alexanderplatz und blieb das Wochenende in der Hauptstadt. Als er in seinem Asylbewerberheim in Werder ankam, wurde er schon von der Polizei gesucht. Später wurde er in seinem Zimmer festgenommen und kam wenig später in Untersuchungshaft.

Ein Geschehen, zwei Wahrnehmungen – fünf weitere Verhandlungstage hat die 2. große Strafkammer anberaumt, um der Wahrheit und gegebenenfalls einer angemessenen Strafe nahezukommen. Nachfragen wollte S., der einen Russisch-Dolmetscher an seiner Seite hatte, nicht beantworten, auch zu seiner familiären Situation wollte er zunächst nichts sagen. Deutlich wurde in seiner Stellungnahme bereits, dass Postings auf Internetplattformen die Situation immer wieder für eine breite Öffentlichkeit und ein Aufheizen des Konfliktes sorgten. So soll eine Gruppe von Russen, Dagestanern und Tschetschenen eine pornografische Collage von M.s Mutter veröffentlicht haben. Später habe dann M. ebenfalls eine pornographische Collage mit S.s Mutter gepostet haben.

Der Prozess begann am Donnerstag unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Handys waren im Sitzungssaal verboten, in dem fünf statt der üblichen zwei Wachtmeister anwesend waren, die regelmäßig den Untersuchungshäftling bewachen. S. droht maximal eine lebenslange Freiheitsstrafe, als Heranwachsender könnte für ihn aber auch Jugendstrafrecht angewendet werden. Am Montag soll unter anderem der Geschädigte gehört werden.

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