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Historisches
Mit Kurbad und Schweizergarten

Ein Aus- schnitt vom "Plan für Bran- den- burg a.d. Havel", den C. Holz- hauer 1895 heraus- gege- ben hatte.
Ein Aus- schnitt vom "Plan für Bran- den- burg a.d. Havel", den C. Holz- hauer 1895 heraus- gege- ben hatte. © Foto: Manfred Lutzens
Manfred Lutzens / 21.03.2020, 10:00 Uhr
Brandenburg vor 125 Jahren: Unsere Heimatstadt hat genau 37.609 Einwohner; das Militär hinzugerechnet, sind es immerhin 41.098. Und in jenem Jahr – anno 1895 – erscheint ein "Plan von Brandenburg a.d. Havel", der es den Einheimischen ermöglicht, sich in den Mauern der alten Chur- und Hauptstadt fortan noch besser als bisher zurecht zu finden. Zugleich halten nun Besucher aus nah und fern einen stummen, aber überaus praktischen Wegweiser in der Hand: "Mit alphabetischem Straßen-Verzeichnis – Maßstab 1:7500. Entworfen und gezeichnet von C. Holzhauer".

Unternehmen Sie mit uns einen kleinen, virtuellen Rundgang durch das Brandenburg zum Ausklang des 19. Jahrhunderts.  Beginnen wir an seiner nordöstlichen Peripherie, wo damals wie auch heute in erheblichem Maße Beetzsee und Oberhavel (samt Vorstadtschleuse) das Bild bestimmen. Eingeschlossen dabei von einigen Havelarmen die Stimmingsarche als Insel und das sogenannte Mühlenheben. In diesem Bereich der Krakauer Vorstadt finden wir zu jener Zeit u.a. die Dampf- und Schneidemühle von Knönagel gegenüber der Einmündung zum Grillendamm wie auch mehrere Ziegeleien. Direkt am Ostufer des Beetzsees, wo unweit der Homeyenbrücke ein Fisch-Wehr eingelassen ist, hat die Kalkbrennerei Huth ihren Standort.

Beachtlich "Das große Mittelbruch" in seiner Ausdehnung auf diesem Stadtplan von 1895. Zugleich kann der interessierte Betrachter die beiden Abzweigungen unseres heimatlichen Flusses verfolgen, wie sie gewissermaßen die Dom-Insel (mit Ritterakademie) umarmen. Das trifft gleichermaßen für Fröhlings-Badeanstalt am Mühlendamm sowie das seinerzeit unweit davon angelegte städtische Bad in Nachbarschaft von Augustaschule und Mühlentorturm zu. Da, wo dann 1922 das Freibad Grillendamm eröffnet wurde, befand sich damals gewissermaßen als Vorgänger eine eigens für das Militär der hiesigen Garnison bestimmte Badeanstalt.

Verweilen wir noch einen Moment in der Krakauer Vorstadt. Hier fallen beispielsweise der sogenannte Franzosen-Friedhof (1813 / Befreiungskriege) in der Hagelberger Straße ebenso wie eine Hutfabrik von Wilhelm Meinicke (später Silbermann) nebst der markanten Fabrikanten-Villa und die Stärkefabrik ins Auge. Gen Klein Kreutz sind es mehrere Gärtnereien und ein "Schiffsbauplatz". Aber nun werfen wir den Blick nach Nord-Nordwest. Stadtauswärts entdeckt man auf der Skizze die noch deutlich dominierenden Ackerflächen; Ansiedlungen gibt es noch wenige. Dazu gehören eine "Kunst- und Handelsgärtnerei" sowie das Domizil der schon 1559  gegründeten Altstädtischen Schützengilde am Ende der Brielower Straße. In umgekehrter Richtung zum Rathenower Torturm hin erstreckt sich die Musterwiese als Exerzier-Platz samt Geschützschuppen und Schmiede (heute BSC-Sportanlagen). Nur unweit davon lassen sich beispielsweise gewissermaßen parallel zu St. Gotthardt der Kreisgarten mit der Stadtgärtnerei und natürlich der Marienberg als höchste Erhebung unserer Heimat ausmachen. So sind in diesem Planquadrat das  einstige Weinanbau-Areal, ein Wasserreservoir, das Kriegerdenkmal und unweit davon gar eine "Cholera"-Baracke verzeichnet. Ahlerts Berg mit seinem beliebten Sommertheater (das größte Deutschlands!) und weitere Ausflugsziele, ob nun Graves Berg oder Volksgarten, dürften da weitaus bessere Adressen gewesen sein.

Von dort ließ sich an Hand der Stadtkarte ein Spaziergang durch die Wallpromenade über den Humboldthain bestens fortsetzen. Entlang des Syndikatsgraben, wo sich die Strafanstalt befand (heute Stadtverwaltung), vorbei am Denkmal für den berühmten Naturforscher. Übrigens, anno 1895 hatte das Krankenhaus noch sein Domizil auf dem Altst. Markt, während die Plauer Straße u.a. bereits über ein Postamt verfügte. Nikolaikirche und den dazu gehörenden Friedhof "links" liegen lassend, lud der übersichtlich gestaltete Stadtplan geradezu in Richtung Plaue/Magdeburg ein. Hier lagen die zum Ausklang des 19. Jahrhunderts noch "jungen" Kasernen, inbegriffen u. a. Exerzierhaus, Reitbahnen und -plätze, königliche Magazine, die Waschanstalt der Garnison wie auch das einen Kilometer stadtauswärts angelegte Artilleriedepot.

In der sogenannten Gründerzeit hatten sich, was der Blick in die Neuendorfer und Wilhelmsdorfer Vorstadt sowie zur Unterhavel zeigt, zahlreiche Betriebe angesiedelt. Bester Beweis waren die Kammgarnspinnerei Kummerlé, Scholtens Stärke- und Sirupfabrik ebenso wie auf der anderen Havelseite der neue Schlachthof und daneben eine chemische Fabrik. Auf dem Weg in das Stadtinnere, vorbei an der Bürger- und Wredowschen Zeichenschule, lenkten in der Jacob- bzw. Bauhofstraße der "Hohenzollern-Park" , die Berlin Neuroder Kunstanstalt, das Gödenstift oder zudem die Erste Deutsche Feinjute- und Hanfspinnerei das Interesse auf sich. In der Bahnhofsvorstadt – durch die Eisenbahnstrecke Berlin-Magdeburg und insbesondere das Breite Bruch gen Süden klar begrenzt –, hatte Kartograph C. Holzhauer akribisch festgehalten, wie sich dort neben anderen prosperierenden Fabriken, der städtischen Gasanstalt und einem jüdischen Begräbnisplatz inzwischen die Brennabor-Werke ausdehnten.

Auffallend rund um den Trauerberg und den Neustädtischen Friedhof dürften eine Reitbahn, etliche Gärtnereien (Große Gartenstraße) und insbesondere in der Schulstraße einer der ersten Kindergärten gewesen sein. Das Proviantamt erstreckte sich übrigens am Stadtkanal, während "Am Fluthgraben" die Firma Raschig ihre Dienste anbot. Überdies gab es in der Potsdamer Vorstadt – dicht an der Oberhavel – für Gärtnereien und Schneidemühlen offensichtlich beste Bedingungen. Die farbige Brandenburg-Karte wies dort außerdem ein Bethaus der katholischen Gemeinde aus. Abschließend lenken wir die Schritte ins Zentrum unserer Heimatstadt. Rund um das prächtige Rathaus hatten weitere Ämter und Behörden, andererseits leistungsstarke Fabriken wie die Eisengießerei und Maschinenbauanstalt Wiemann (Werft) und kleinere Firmen ihren Sitz. Und was wäre Brandenburg ohne seine so prägenden Kirchen!? Weitere Anziehungspunkte waren Lokale, Vergnügungsetablissements, bis hin zum Schweizergarten in der Grabenpromenade. Nur gut 100 Meter von diesem renommierten Gartenrestaurant entfernt wies der Stadtplan von 1895 in der Havelstraße gar ein Kurbad aus.

Schließlich hatte der tüchtige Holzhauer seinen "Atlas" noch mit Angaben zur geographischen und Höhenlage der Stadt ergänzt. Zudem waren etliche ihm wichtig erscheinende Haus-Nummern mit eingearbeitet. Für die damalige Zeit ein gelungenes kartographisches Abbild des guten, alten Brandenburgs im 966. Jahr seit seiner Gründung.

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