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Pandemie
Besondere Corona-Strategie der Uckermark geht auf

Oliver Schwers / 13.05.2020, 18:29 Uhr - Aktualisiert 14.05.2020, 13:24
Prenzlau (MOZ) Bezogen auf die Einwohnerzahl verzeichnet die Uckermark die wenigsten Corona-Fälle in ganz Brandenburg. Insgesamt sind seit Ausbruch der Pandemie offiziell 36 Infektionen durch Labore bestätigt worden. Ein Mann starb, allerdings in einem Krankenhaus außerhalb des Kreises. Seit 13 Tagen gibt es keine Neuerkrankungen. Ganz anders dagegen die Lage im benachbarten Barnim: Hier gibt es schon über 400 Fälle und 28 Tote. Macht Corona um die Uckermark einen Bogen?

Wohl kaum. Stattdessen zahlt sich jetzt aus, dass der Kreis schon seit Jahren über ein starkes und gut strukturiertes Gesundheitsamt verfügt. Dessen Leiterin Dr. Michaela Hofmann hat sich bereits in anderen Fällen als äußerst krisenfest und vor allem durchsetzungsstark erwiesen. Die couragierte Chefin bekommt fachlich völlig freie Hand bei ihren Entscheidungen und den nötigen Rückhalt der Verwaltungsspitze.

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Das einberufene "Covid-19-Team" ist in den zurückliegenden zwei Monaten zu einer Gruppe zusammengewachsen, in der viel, effektiv und vor allem lange gearbeitet wird. Die Taskforce sitzt nicht täglich stundenlang zusammen, sondern nur bei Bedarf. Die Stimmung sei gut, heißt es aus dem Hause. Die klar strukturierte und vor allem konsequente Arbeitsweise der Amtsleiterin findet Zuspruch bei Mitarbeitern.

"Niemand von uns hat bisher Vergleichbares erlebt", so Dr. Michaela Hofmann. "Und wir alle sind Lernende. Nicht nur der öffentliche Gesundheitsdienst, der in den zurückliegenden Jahren sowohl von den Medizinern als auch von den politisch Verantwortlichen eher stiefmütterlich behandelt wurde, muss sich breiter, schneller, effizienter aufstellen. Auch führende Wissenschaftler stehen mit ihrem Wissen um das Corona-Virus noch ziemlich am Anfang. Und so habe ich auf das zurückgegriffen, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat: Keine halben Sachen zulassen, sondern mit Konsequenz und ohne Ansehen der Person handeln."

Da muss dann auch mal ein Bürgermeister bei seiner Rückkehr aus dem Ausland in Quarantäne. Damit macht sie sich nicht nur Freunde. Aber wenn es um das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung geht, vor allem aber um den Schutz von Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer gesundheitlichen Gesamtverfassung zur Risikogruppe gehören, bei der eine Infektion lebensbedrohlich werden kann, muss man eben konsequent handeln.

Das Gesundheitsamt greift auf eine bewährte Strategie zurück: Recherche bis zum Umfallen. Jeder Infektionsfall ist zurückverfolgt worden. Genau das hat in anderen Landkreisen und Städten, deren Behörden sogar über deutlich mehr Personal verfügen, nicht funktioniert. In der Uckermark dagegen haben die Mitarbeiter im Gesundheitsdienst vom ersten Tag an in mühsamer und zeitaufwendiger Detailarbeit bei jedem neuen Fall die Kontaktpersonen ermittelt und diese sofort in eine 14-tägige Quarantäne geschickt. Seit Mitte März waren dies insgesamt mehr als 700 Personen. Sie alle mussten täglich angerufen und betreut werden. Für die meisten von ihnen war die Quarantäne nach zwei Wochen wieder zu Ende. Dieses Vorgehen ist enorm zeitintensiv und erfordert geschultes Personal. Doch nur so lassen sich Infektionsketten erkennen und unterbrechen. "Ich bin stolz auf die Uckermärker", sagt die Amtsärztin. "Sie sind sehr kooperativ und tragen selbst massive persönliche Einschränkungen, wie sie die Quarantäne nun einmal erfordert, mit.

Großer Vorteil: dünne Besiedlung

Natürlich spielen auch objektive Faktoren eine Rolle. Die dünne Besiedlung ist in dieser Situation ein großer Vorteil. Dafür ist die Uckermark aber auch ein Landkreis, aus dem täglich viele Menschen zur Arbeit in Nachbarregionen pendeln. Deshalb hat die Amtsärztin schon seit längerem ein wachsames Auge auf genau diesen Personenkreis - Risikoabschätzung, um eventuellen Handlungsbedarf zeitnah erkennen zu können.

Und was wünscht sich jemand, der seit zwei Monaten sieben Tage die Woche meist bis spät in die Nacht arbeitet: "Vielleicht etwas mehr Verständnis bei manchen Chefs oder Leitern von Einrichtungen für den harten Kurs. Wir tun das doch nicht, um Menschen zu ärgern, sondern um sie, vor allem die Schwächsten, zu schützen.

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Ralf H. Janetschek 26.05.2020 - 09:22:51

Re: "Großer Vorteil: dünne Besiedlung"

Wenn die Besiedelung bei NULL angelangt ist, ist der Virus auch weg.

Norbert Wesenberg 26.05.2020 - 07:12:29

"Großer Vorteil: dünne Besiedlung"

Also genau genommen hat die Uckermark die geringen Infektionszahlen dem grünen Umweltminister Vogel zu verdanken. Denn auch der hat dafür gesorgt das dort, wie in MOL, das Land mehr von Bibern als Einwohnern besiedelt ist.

Paul Müller 25.05.2020 - 19:12:23

Nix für ungut, staatliche Institutionen ...

... sollten allerdings auf Denglisch verzichten: „social Destinations“ , (soziale Reiseziele) sind vermutlich nicht das Ziel der Coronaübung :)

Adrian Walter 25.05.2020 - 17:07:30

Kaum zu Glauben

Ernsthaft welche Strategie? In Prenzlau und Umgebung wird kaum getestet. Weder bei Verdacht noch prophylaktisch. Die Menschen versuchen wie überall in der Republik die geforderten Maßnahmen umzusetzen. Die Betonung liegt dabei auf "versuchen". Ich persönlich denke, dass Prenzlau und Umgebung von der Besonnenheit vieler Bürger profitiert. Die Bürger, die wirklich mit ihren Arsch zuhause bleiben und nur wenn es wirklich notwendig ist, dass Haus verlassen. Die Bürger, die sich an Social Destinations halten und ihre Kinder nicht zu Oma und Opa bringen. Prenzlau und Umgebung hatte nur Glück. Es liegt nicht direkt an der Grenze. Weder nach Polen noch nach Berlin. In Prenzlau leben überwiegend ältere Menschen und zumeist unter sich. Dies sind alles Faktoren, die bisher eine Katastrohe verhindert haben... bisher Jedoch eröffnen jetzt nach und nach wieder die Kitas und Grundschulen. Die Kinder müssen keinen Mund und Nasenschutz tragen. Der Sommer kommt und die Ucker (Seen) werden für Besucher wieder attraktiver. Ich Drücke den Menschen in PZ die Daumen, dass ich mich irre und es so ruhig Bleibt, wie es bisher ist...

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