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Hungerfall erneut vor Gericht

Stefan Adam / 07.06.2017, 06:36 Uhr
Schwedt/Neuruppin (MOZ) Der Fall einer fast verhungerten Frau hatte vor einiger Zeit öffentliches Aufsehen erregt und für Schlagzeilen gesorgt. Er ist in der Uckermark bisher beispiellos. Wegen der schweren Misshandlung einer geistig behinderten Schutzbefohlenen hatte das Schwedter Schöffengericht ein Ehepaar zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Im Berufungsprozess vor dem Landgericht Neuruppin fiel jetzt die Strafe milder aus: Je zwei Jahre Freiheitsstrafe, ausgesetzt zu drei Jahren auf  Bewährung. Dazu müssen die Verurteilten jeweils 500 Stunden gemeinnützige Arbeit innerhalb eines Jahres leisten.

"Im Berufungsverfahren beschränkten sich die Verteidiger nur auf die Rechtsfolgen des Urteils, also auf die Höhe der Freiheitsstrafe", erklärte Rechtsanwalt Jörg Woite. "Am Straftatbestand selbst wurde nicht gerüttelt, was einem Schuldeingeständnis gleichkommt." Auch vor dem Landgericht machten die Angeklagten keine Angaben zum Tatgeschehen, zeigten aber Reue, informierte Woite. Wesentliche Gründe für die Bewährungsstrafe: Beide waren nicht vorbestraft. Das Tatgeschehen liegt drei Jahre zurück. Die Angeklagten hatten den ärztlichen Notdienst gerufen. das verhinderte letztlich den Tod der Frau. Das Opfer lebt nicht mehr im Haushalt des Paares. Eine Wiederholungsgefahr ist damit ausgeschlossen. Ein Rechtsmittel gegen das Urteil erwägen die Verteidiger nicht.

Das Opfer ist die ältere Schwester des heute 53-jährigen Angeklagten. Sie lebte viele Jahre im Haushalt ihres Bruders. Der Bruder und seine Ehefrau hatten 2011 deren Betreuung und Versorgung übernommen. Sie bekamen dafür Pflegeleistungen. Außerdem stand das Opfer wegen der geistigen Behinderung unter Betreuung. Viele Jahre war die Pflege und Versorgung der Frau gewährleistet. Im März des Jahres 2014 begann aus bisher ungeklärtem Motiv ihr Siechtum.Die Frau brach wegen mangelnder Ernährung und hochgradiger Unterzuckerung in ihrem Zimmer bewusstlos zusammen. Der ärztliche Notdienst wurde alarmiert. Was die Rettungskräfte damals beim Eintreffen zu sehen bekamen, machte sie fassungslos. Die Frau war stark abgemagert. Ihre Körpertemperatur betrug nur noch 30 Grad. Die Fenster im Zimmer waren mit Brettern zugenagelt, die Matratzen durch Urin verunreinigt. Die Frau wog nur noch 26,9 Kilogramm. Die Überlebenschancen der Frau waren sehr gering. Doch die Ärzte konnten sie retten. Sie erholte sich langsam, nahm an Gewicht wieder zu. Der Vorfall wurde von der Klinik den Behörden gemeldet.

Wie diese unfassbare Form der Misshandlung einer Schutzbefohlenen über viele Monate geschehen unbemerkt bleiben konnte, obwohl die Frau wegen ihrer geistigen Verwirrung einen Betreuer hatte und auch ein Pflegedienst mit die Aufsicht führte, wurde nicht geklärt. Der gerichtliche bestellte Betreuer gab zu, in dem halben Jahr nicht bei der Frau vor Ort gewesen zu sein. Er wurde dafür in einem gesonderten Verfahren zur Verantwortung gezogen.

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