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Arbeit
Entlassene Belegschaft gründet Firma

Oliver Schwers / 16.09.2017, 07:00 Uhr
Pinnow/Schwedt (MOZ) Aus Frust wegen ihrer Entlassung und ausstehender Löhne hat sich die Belegschaft eines Pinnower Unternehmens entschlossen, nicht mehr zu ihrem Arbeitgeber zurückzukehren. Stattdessen gründeten die Mitarbeiter innerhalb weniger Wochen eine eigene Firma.

Alle bekamen die Kündigung, sollten sich arbeitslos melden. Der Chef versprach ihnen, sie später unter anderem Firmennamen wieder einzustellen. Doch blieb er die Löhne schuldig. Unter den Entlassenen gab es Alleinverdiener und Alleinerziehende. Was tun? Plötzlich entstand in gemeinsamer Runde die Idee: "Wir können das auch alleine machen. Wir gründen eine Firma." Da es sich um die Kerntruppe der Belegschaft handelte, war der neue Betrieb quasi schon vollständig beisammen. Die Aufgabenverteilung blieb die Gleiche. Jeder an seinem Platz, nur ein anderer Ort.

Gesagt, getan. Schweißfachmann Robert Bunn und Konstrukteur Martin Jüdes meldeten das Gewerbe an. Seit Ende Juni gibt es die neue Firma AMU Schwedt GmbH (Anlagenbau, Maschinenbau, Umwelttechnik). Fehlte schlicht und ergreifend noch der Betriebssitz. Den fanden die Spontan-Gründer in der leer stehenden Fabrikhalle der früheren Hartmann-Produktion in Schwedt.

Von da an ging es atemberaubend schnell: Robert Bunn und Martin Jüdes standen in Dauerkontakt mit den anderen entlassenen Mitarbeitern ihrer Ex-Firma. Jede Woche stellten sie seither mindestens einen weiteren von ihnen ein. Inzwischen sind sie 15. Bis Jahresende sollen es 20, im nächsten Jahr mindestens 30 sein.

Ihre Aufträge können sie gar nicht so fix bewältigen, wie die Bücher zeigen. Behälter, Tankanlagen und Rohrleitungen werden überall in Deutschland gebraucht. Die Stammkunden und Lieferanten kannten die Mitarbeiter - und gratulierten sogar zur Eigenständigkeit. Manche halfen der mutigen Truppe aus reiner Sympathie mit Technik und Aufträgen.

Die beiden Firmengründer nahmen Kredite auf, um den Betrieb in Gang zu setzen - neue und gebrauchte Maschinen, Stapler und Transporter füllen inzwischen die Werkhalle. "Die Kunden wollen zuverlässige regionale Partner", sagt Robert Bunn.

Weil die Aufträge drängen, laufen die Chefs zwischen ihren Schreibtischen und der Werkstatt hin und her. Der Betrieb wächst täglich. "Wir wollen stärker in die Umwelttechnik einsteigen", erklärt Martin Jüdes. Innehalten ist zurzeit nicht möglich. Schon werden die Fachleute knapp. "Wir suchen dringend noch Schweißer, Vorrichter und Schlosser", sagt Robert Bunn. "Aber sie müssen in unsere Truppe reinpassen." Azubis sollen im kommenden Jahr dazukommen.

Die Truppe hält stärker zusammen als je zuvor. Mit der Firmengründung identifizieren sich die Angestellten, auch wenn sie nicht direkt beteiligt sind. Und was ist es für ein Gefühl, nun der Chef zu sein, der selbst entscheidet? "Naja, zunächst spürt man schon die große Verantwortung, die dahinter steckt", berichten Robert Bunn und Martin Jüdes. Einer ist 40, der andere 36. "Aber wir haben es ja extra deshalb gemacht, um nicht ständig Auftragsmangel - somit keine Arbeit - und Entlassungen befürchten zu müssen. Wir sind ja selbst alles Väter und wollen die Leute vernünftig und pünktlich bezahlen."

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