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Bürgermeister Henrik Sommer über die Zukunft der Kreisstadt, Landratswahl und Regierungsbildung

Interview
2017 doppeltes Glück für Prenzlau

Dietmar Rietz / 02.01.2018, 06:50 Uhr
Prenzlau (MOZ) 2017 war ein Glücksjahr für Henrik Sommer: Im September ist er zum Bürgermeister der Kreisstadt Prenzlau wiedergewählt worden. Außerdem crashte die Landesregierung die Kreisreform, Prenzlau bleibt Kreisstadt. Dietmar Rietz sprach mit Henrik Sommer über die Zukunft der Kreisstadt, die kommende Landratswahl in der Uckermark und die Regierungsbildung in Berlin.

Herr Sommer, was hat sie glücklicher gemacht: die Wiederwahl als Bürgermeister oder der Stopp der Kreisreform?

Hendrik Sommer: Kann man das miteinander vergleichen? Die Wiederwahl war für mich ein klares Votum für die Prenzlauer Stadtpolitik in den zurückliegenden acht Jahren. Das Ergebnis von 84,9 Prozent zeigt, dass so viel nicht falsch gelaufen sein kann. Mein Ziel war und ist es, die Prenzlauer bei der Gestaltung ihrer und unserer Heimatstadt mitzunehmen. Ich setze auf das Miteinander. Beim Stopp der Kreisgebietsreform bin ich überzeugt, dass wir einen Teil mit dazu beigetragen haben. Von Anfang an habe ich mich als Bürgermeister, unterstützt von meinem Team und von vielen Stadtverordneten, vor allem aber den Bürgern, klar gegen diese Reform ausgesprochen. Sie wäre alles andere als ein Ausdruck der Nähe zu den Menschen gewesen. Der Eindruck unten, an der Basis, bei den Menschen war vielmehr der: "Die da oben machen eh, was sie wollen und denken, sie wüssten es immer besser." Erwecken wir als Politiker diesen Eindruck, dann läuft etwas nicht nur grundverkehrt - es ist auch gefährlich.

Ist das ein Deutschlandtrend: Abkehr von Kandidaten der Parteien und Hinwendung der Bürger zu parteilosen?

Kürzlich las ich, dass rund 44 Prozent aller Bürgermeister und Oberbürgermeister in Deutschland parteilos sind. Das scheint den Eindruck vom Trend zu bestätigen. Parteiunabhängig zu sein bedeutet, dass man zwar immer wieder um Mehrheiten ringen muss, aber das macht Demokratie auch aus.Ein Bürgermeister ist den Bürgern, den Einwohnern seiner Stadt, verpflichtet, keinem Parteibeschluss. Ich stelle die Rolle der Parteien nicht in Abrede, bin aber überzeugt davon, dass das Hinterfragen des eigenen Selbstverständnisses heute mehr denn je im Vordergrund steht. Unsere Gesellschaft verändert sich. Das geht auch an den Parteien nicht spurlos vorbei. Die Ergebnisse der Bundestagswahl haben das deutlich gezeigt.

Wie schlimm hatten Sie die Folgen einer möglicherweise erfolgreichen Kreisgebietsreform für Prenzlau eingeschätzt?

Ich bin kein Schwarzmaler. Aber die Folgen wären schlimm gewesen. Es hätte einen Verlust an Bürgernähe bedeutet. Wir waren, bevor es die Reform in Mecklenburg-Vorpommern gab, ohnehin schon lange Deutschlands größter Landkreis. Fahren sie mal von Schwedt nach Lychen. Das kommt ihnen endlos vor.Die Wege sind jetzt schon lang. Und jetzt stellen sie sich den von Biesenthal nach Brüssow vor. Wie wollen Kreistagspolitiker da mit den Bürgern im Gespräch bleiben? Es wäre der allmähliche Rückzug nicht nur der Verwaltung, sondern auch der Politik aus der Fläche gewesen. So macht man keine Politik für Menschen. Hinzu kommt, dass wir vermutlich den Kreisstadtstatus verloren hätten. Nicht nur die Kreisverwaltung wäre dann mit ihren Mitarbeitern, die teilweise in der Stadt wohnen, auf jeden Fall aber auch enorme Kaufkraft in der Stadt bedeuten, weggegangen. Andere Institutionen und Einrichtungen wären gefolgt. Das hätte einen Imageverlust bedeutet, der die Stadt nachdrücklich geschädigt und sich auf viele Bereiche niedergeschlagen hätte.

Braucht das Land nicht trotzdem eine Kommunalreform und wie müssten sich die Kommunen in den nächsten zehn Jahren verändern?

Reformbedarf gibt es auf jeden Fall. Im Sinne einer Verwaltungsstrukturreform. Es sollte und muss neu überlegt werden, welche Aufgaben gegebenenfalls an die Landkreise und vor allem die Kommunen übertragen werden können, wo ein effizienteres und bürgernäheres Arbeiten möglich ist.

Was fordern Sie am Ende dieses turbulenten, ereignisreichen Jahres von der Landesregierung?

Vor allem eins: Eine andere Gesprächsbereitschaft. Ich habe nach den Monaten der heftigen Auseinandersetzung um die Kreisgebietsreform den Eindruck gewonnen, dass sich die Landesregierung von den Menschen weg entwickelt hat, dass sie nicht mehr zuhörte und meinte, es besser zu wissen, für die Bürger denken und handeln zu müssen, ohne jedoch mit ihnen im Gespräch zu sein. Das hat Auswirkungen gehabt. Auch auf die Ergebnisse bei der Bundestagswahl. Politik, die für die Menschen gemacht wird, muss mit den Menschen gemacht werden.

Wohin wird sich Prenzlau, seit 200 Jahren Kreisstadt in der Provinz, jetzt verändern?

Einige Stichworte nur: Die Achse Berlin-Stettin ist wichtig für uns. Für Prenzlau als Wirtschaftsstandort, für Prenzlau als Lebensort. Die positive Entwicklung der letzten Jahre, auch im wirtschaftlichen Bereich, wollen wir fortsetzen. Provinz bedeutet auch Vorteil. Die Flucht vieler Berliner in den ländlichen Bereich, in die Uckermark, ist noch nicht zu Ende. Davon können wir profitieren. Ich denke auch an den Tourismus mit dem Campingplatz, der in der Planung ist, an die Gesundheitswirtschaft, an die Stadt der regenerativen Energien und den großen Branchenschwerpunkt der metallverarbeitenden Industrie.

Landrat Dietmar Schulze hat seinen Hut für die nächste Landratswahl in den Ring geworfen. Werden Sie diese Kandidatur unterstützen oder ablehnen?

Mit dem Landrat habe ich die vergangenen acht Jahre gut zusammen gearbeitet. Sicher, es gab auch unterschiedliche Positionen. Insgesamt aber schätze ich die Arbeit als positiv ein. Sie können von mir aber kein Votum für oder gegen einen Kandidaten erwarten. Dies habe ich auch vom Landrat nicht erwartet, als ich erneut für das Bürgermeisteramt in dieser Stadt angetreten bin.

Auf dem Wunschzettel vieler Uckermärker stand nach der Wahl im September, spätestens Weihnachten oder zum Jahresende wieder eine arbeitsfähige Bundesregierung zu haben. Wie schätzen Sie das ein, was da seit Wochen in Berlin passiert?

Ehrlich? Katastrophal. Ein Politikdebakel ohnegleichen. Es ist den Bürgern kaum noch zu vermitteln. Ich kann nur dringend dazu raten, dass sich alle, die jetzt in der Verantwortung stehen, dieser Verantwortung auch bewusst werden und sie ernsthaft tragen. Politik machen schließt die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Doch die dürfen nicht zu Lasten der Bürger ausfallen. Die Idee der kooperierenden Koalition fand ich so uncharmant nicht. Es hätte bedeutet, dass man sich eben nicht auf die Koalition verlässt, sondern sich auf die Suche nach politischen Mehrheiten macht. Für die Menschen und nicht für eine bestimmte Parteistrategie. Wir werden sehen, was Anfang des Jahres passiert. Ich bin gespannt. Ich weiß aber auch, dass man sich ein solches Gerangel, ein solches Hinauszögern und Lavieren in der Kommunalpolitik nie und nimmer leisten könnte.

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