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Integrationsbeauftragter wendet sich gegen Verschwörungstheorien durch steigende Kriminalitätsrate

Kriminalität
Warnung vor dem Bauchgefühl

Steigt die Kriminalität unter Ausländern wirklich? Rein statistisch schon. Doch sind es in der Uckermark vor allem Urkundenfälschungen und illegale Einreise, die vor Gericht kommen.
Steigt die Kriminalität unter Ausländern wirklich? Rein statistisch schon. Doch sind es in der Uckermark vor allem Urkundenfälschungen und illegale Einreise, die vor Gericht kommen. © Foto: dpa/Sven Hoppe
Oliver Schwers / 06.04.2018, 21:00 Uhr
Prenzlau (MOZ) Vor einer gefühlten Unsicherheit warnt der Integrationsbeauftragte der Uckermark. Hintergrund ist die gerade veröffentlichte steigende Kriminalitätsrate bei Ausländern. Die Statistik zeige nur die halbe Wahrheit, so Stefan Krüger. Die Realität im Landkreis sei differenzierter.

Beschönigen ist nicht angebracht. Ebenso wenig Hysterie. Stefan Krüger geht daher die immer wieder aufkeimende Problemdiskussion direkt und offen an. „Es ist nicht unter den Tisch zu kehren, dass wir bei der Zuwanderung eine Zunahme der Kriminalität zu verzeichnen haben“, sagt der Ausländerbeauftragte der Uckermark. Daher fühlen sich Bürger verunsichert. Bis heute kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Asylbewerbern in Gemeinschaftsunterkünften. Auch Ladendiebstähle gibt es, häusliche Gewalt, Übergriffe und Bedrohungen.

„Doch die Statistik zeigt auch, dass der Großteil der Vergehen nicht auf körperliche Auseinandersetzungen zurückzuführen ist.“ Stattdessen zählen illegale Einreisen, Urkundenfälschungen oder falsche Angaben zur Herkunft zu den meisten Delikten. Anzeigen wegen Schwarzfahrens in öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit falschen Tickets gehören ebenso dazu wie das Autofahren mit einem ausländischen nicht anerkannten Führerschein. Gerade im Grenzbereich zu Polen ist der unerlaubte Aufenthalt ein Problem, wenn Asylbewerber außerhalb des gestatteten Bewegungsraums aufgegriffen werden. Das alles treibt die Kriminalitätsrate in die Höhe.

Mit nüchternen Zahlen und Fakten erklärt der Integrationsbeauftragte solche Zusammenhänge, spricht mit Bürgern im Landkreis, referiert vor Bündnissen, die sich um Zuwanderer kümmern. Unabhängig von allen Problemen bei der Eingliederung großer Menschenmengen aus fremden Ländern dürfe das Sicherheitsgefühl nicht allein aus dem Bauch heraus bestimmt werden. Die Statistik beweise: „Je besser die Bleibeperspektive ist, desto mehr sinkt die Kriminalitätsrate.“ Gerade bei denjenigen Menschen, die mit Abschiebung rechnen oder nur geduldet sind, ist die Quote nachweislich am höchsten. Damit spiele der Aufenthaltstitel eine wichtige Rolle, aber auch solche Faktoren wie der Bildungsgrad. „Das ist natürlich ein Auftrag an uns alle, integrativ zu wirken“, sagt Krüger.

Dennoch gibt es einige alarmierende aktuelle Trends. Verstöße gegen das Waffengesetz, zum Beispiel durch das Einstecken von großen Messern, und der Drogenkonsum unter Flüchtlingen nehmen zu. Ebenso kommt es immer wieder vereinzelt zu Übergriffen gegenüber Frauen. Bei Ladendiebstählen gebe es Wiederholungstäter.

Andererseits leiden auch Ausländer durch Beleidigungen, aufkeimende Aggressionen und körperliche Angriffe von deutscher Seite. Generell entstehen gerade in Gemeinschaftsunterkünften schneller Reibereien unter Bewohnern, ausgelöst durch die konzentrierte Unterbringung vieler Menschen unterschiedlichster Herkunft auf kleinstem Raum. „Ich bin aber sehr froh, dass aufgrund der Sozialarbeiter vor Ort und durch die geregelten Abläufe keine akuten Eskalationen mehr auftreten“, sagt Krüger.

Wichtigster Aspekt  – mögliche Terrorgefahren. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes würde es derzeit in der Uckermark keine Hinweise auf mögliche Radikalisierungen geben. Im Mai 2017 hatte ein Jugendlicher in Gerswalde durch einen akuten Terrorverdacht für Aufsehen gesorgt. Die Polizei handelte damals schnell, durchsuchte das betreffende Jugendheim und nahm den 17-jährigen Syrer mit.

Auch musste das Sozialamt der Kreisverwaltung in Einzelfällen auffällige Personen aus Wohnungen oder Unterkünften herausnehmen, weil die zwischenmenschliche Situation zu kippen drohte. Das lag vor allem an psychischen Problemen.

„Es ist eine wichtige Aufgabe der nächsten Zeit, mit dem erhöhten Aufkommen an Straftaten umzugehen“, sagt Stefan Krüger. „Ich warne aber davor, sich auf populistische Haltungen einzulassen. Ich beobachte unter einigen Mitbürgern sogar Verschwörungstheorien.“ Und natürlich sei die Anzeigebereitschaft bei Verfehlungen von Migranten deutlich höher. Ein Ausländer stehe eben stärker unter Beobachtung. „Wir müssen mehr Brücken bauen in die Familien hinein, Haltestrukturen schaffen.“

„Kriminalität unter Flüchtlingen. Mythos und Wahrheit und was daraus gemacht wird“, Vortrag von Stefan Krüger am 10. April um 18 Uhr, Bürgerbündnis Angermünde, Saal des Angermünder Rathauses

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