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Einst größter Abrüstungsstandort Deutschlands verliert Aufträge / 21 Mitarbeiter erhalten Kündigung

Munitionsentsorger
Ende von Nammo Buck in Pinnow

Jahrelang wurden Tausende Tonnen an Streumunition in Pinnow entsorgt: Ein Mitarbeiter der Munitionsentsorgungsfirma Nammo Buck GmbH hinter einem Artilleriegeschoss (ICM). Die Aufnahme stammt von 2012. Die Bundeswehr ließ ihren gesamten Bestand an Streumunition in Pinnow vernichten.
Jahrelang wurden Tausende Tonnen an Streumunition in Pinnow entsorgt: Ein Mitarbeiter der Munitionsentsorgungsfirma Nammo Buck GmbH hinter einem Artilleriegeschoss (ICM). Die Aufnahme stammt von 2012. Die Bundeswehr ließ ihren gesamten Bestand an Streumunition in Pinnow vernichten. © Foto: dpa/Patrick Pleul
Oliver Schwers / 29.05.2018, 06:45 Uhr
Pinnow (MOZ) Die Nachricht kommt überraschend: Der Munitionsentsorger Nammo schließt Ende des Jahres seinen traditionsreichen Standort Pinnow in der Uckermark. Ursache ist der Rückgang an Aufträgen. Mindestens 21 Mitarbeiter verlieren ihren Job.

„In Europa werden kaum mehr Raketen und Streumunition entsorgt, wir müssen unser Personal daher auf einen Kernbestand reduzieren“, begründet Geschäftsführer Christoph Rüssel die Entscheidung. „Wir fahren die Mitarbeiterzahl von 31 auf 10 herunter. Der Standort Pinnow mit seinen 20 Hektar Fläche ist dann natürlich viel zu groß für uns.“ Man behalte den Standort Storkow im Landkreis Oder-Spree. Das dortige Gelände befindet sich seit 2003 im Besitz von Nammo. Die zehn verbleibenden Pinnower Mitarbeiter würden da eine Stelle bekommen.

Im Rahmen einer Belegschaftsversammlung am Montag habe man die Mitarbeiter informiert. Man werde alles tun, den Personalabbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten. Die Kündigungen würden in diesen Tagen erfolgen. Über einen Sozialplan soll in der nächsten Woche entschieden werden. „Die meisten Kollegen sind schon sehr lange bei uns und haben daher entsprechend lange Kündigungsfristen. Um die Jobsuche zu erleichtern, stellen wir jeden, der eine neue Stelle findet, sofort frei“, kündigt der Geschäftsführer an. „Es tut uns unendlich leid um unsere engagierten und hochqualifizierten Kollegen – jede Firma in Brandenburg kann sich glücklich schätzen, einen unserer Mitarbeiter in ihren Reihen zu haben“, so Rüssel.

Dabei hat das Unternehmen in Pinnow nach eigenen Angaben noch 2015 zweistellige Millionen-Umsätze geschrieben. Doch schon 2016 seien es knapp 20 Prozent weniger gewesen, heißt es jetzt. Im vergangenen Jahr ging der Tiefflug kräftig weiter. Nammo sah sich schon im Juni gezwungen, das Personal von 51 auf nur noch 31 Mitarbeiter zu reduzieren.

Damit schließt einer der erfolgreichsten Abrüstungsstandorte in Ostdeutschland. In Pinnow hatte die Firma Buck nach der Wende das Gelände des früheren militärischen Instandsetzungswerkes übernommen, in dem zu DDR-Zeiten unter strenger Geheimhaltung NVA-Raketen repariert wurden. In Serie ließ man nach der Wiedervereinigung Deutschlands zunächst ausrangierte NVA-Militärtechnik und Munition in Größenordnung verschrotten. Nach der Insolvenz von Buck stieg Nammo in das Geschäft ein und führte den Standort unter dem Namen Nammo Buck weiter. Vor zehn Jahren machte sich die Fabrik einen Namen mit der Demilitarisierung von weltweit geächteter Streumunition. Tausende von Flugzeugbomben und Artilleriegeschossen wurden in einer der größten Abrüstungsinitiativen der Geschichte vernichtet. Heute seien Europas Munitionslager aus dem kalten Krieg fast leer – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Auftragslage der Industrie, heißt es in einer Presseerklärung von Nammo.

„Jedes Geschoss, das durch unsere Hände ging, enthielt dutzendfach, manchmal hundertfach tödliche Submunition, eine jede mit eigenem Zünder, der unschädlich gemacht und entfernt werden musste. Die Entsorgung war eine schwierige und auch gefährliche Aufgabe, die unsere Techniker hervorragend gelöst haben”, so Morten Brandtzæg vom norwegisch-finnischen Mutterkonzern Nammo. Zuletzt beseitigte der Betrieb rund 200 000 Geschosse des Schweizer Militärs, davon der größte Teil 155mm-ICM-Geschosse sowie 120mm- Mörsergranaten. Zudem entsorgte Nammo die Streumunitionsbestände der Bundeswehr, insgesamt 50 000 Tonnen.

„Wir passen unsere Strukturen den Märkten an und erschließen neue Geschäftsfelder“, so Christoph Rüssel. „Deutschland ist für Nammo ein sehr wichtiger Markt. Wir sind dabei auszuloten, in welchen Bereichen wir enger mit deutschen Institutionen und Unternehmen zusammenarbeiten können”, so Morten Brandtzæg. Nammo unterhält bereits Standorte zur Munitionsherstellung in Schönebeck und Schwerte. Das Gelände in Pinnow ist von der Gemeinde gepachtet.

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