Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Standort geschlossen
Die letzte Munition ist vernichtet

Abgerüstet. Der Großteil der Bundeswehr-Streubomben wurde von Nammo Buck in Pinnow zerstört.
Abgerüstet. Der Großteil der Bundeswehr-Streubomben wurde von Nammo Buck in Pinnow zerstört. © Foto: dpa/Patrick Pleul
Kerstin Unger / 06.07.2018, 19:42 Uhr
Pinnow (MOZ) Eine Ära geht im uckermärkischen Pinnow zu Ende. Der einst größte Arbeitgeber des Ortes schließt seine Pforten.

Ende Mai gab die Nammo Buck GmbH als größter Munitionsentsorger Deutschlands bekannt, dass sie sich zum 31. Dezember aus Pinnow (Uckermark) zurückzieht, weil die Aufträge ausblieben. Das Abrüstungsprogramm läuft aus. Die in Pinnow demontierte geächtete Munition ist vernichtet. Die Mitarbeiterzahl soll  von 31 auf zehn heruntergefahren werden. Ein kleinerer Standort in Storkow (Oder-Spree) soll aber weitergeführt werden.

Die Geschichte des Werkes in Pinnow begann schon vor dem Zweiten Weltkrieg. 1931 wurde in der Nähe des Dorfes ein Munitionslager errichtet, das kurz darauf vom Hitlerregime übernommen wurde. Bis 1947 wurde das Gelände als militärische Einrichtung genutzt. 1964 wurde es als Reparaturwerk für Spezialbewaffnung, Radartechnik und deren Starteinrichtungen in Betrieb genommen und der Rüstungsbetrieb Instandsetzungswerk Pinnow (IWP) betrieben. 1990 wurde die Rüstungsproduktion eingestellt.

Von dem Unternehmen, das zu Wendezeiten 1500 Menschen Arbeit gab, profitierte auch die Infrastruktur, nicht nur in Pinnow. Auf dem Betriebsgelände gab es eine Arztpraxis, eine Physiotherapie und eine Kindertagesstätte. Hier wurden auch Lehrlinge ausgebildet.  In Schwedt wurden Wohnungen für viele der Betriebsangehörigen gebaut.

200 Hektar des einstigen Betriebsgeländes ging damals an die Kommune, die einen Teil als Gewerbegebiet vermarktete. Der Rest von 25 Hektar wurde an das Unternehmen Buck verkauft. Die meisten Beschäftigten verloren damals ihren Job. Es wurden Auffanggesellschaften gegründet.

Das Unternehmen Buck vernichtete Raketen aus NVA-Beständen. Die letzte von 6418 Großraketen der DDR-Armee wurde am 20. September 1994 in Pinnow verschrottet. Danach ging es mit den beiden Firmen Buck Inpar und Buck Systembau bergab. 1998 wurde die Gesamtvollstreckung eingeleitet.

Die Unternehmerfamilie Buck hatte sich auch für die Region engagiert. 1995 verzichtete Susanne Buck zu ihrem Geburtstag auf Geschenke und sammelte stattdessen mehr als 40 000 Mark für einen Spielplatz. Als Standort suchte sie sich das Dorf Kummerow bei Schwedt aus. Fünf Jahre später, bereits nach der Insolvenz der Firma, stiftete sie  noch einmal Geld für die weitere Gestaltung.

Den Betrieb in Pinnow aber übernahm 1999 die Nammo Buck GmbH. Sie entsorgte hier mit 71 Mitarbeitern Munition. Es wurde unter anderem Streumunition der Bundeswehr und aus anderen Nato-Ländern zerlegt. Das war nicht ungefährlich. Es gab einige Unfälle und Explosionen, bei denen Menschen teilweise schwer verletzt und 2004 ein Mitarbeiter getötet wurde, obwohl Sicherheit von Menschenleben immer an erster Stelle stand, wie die Geschäftsführung versicherte.

Am 26. November 2015 wurde im Beisein von Bundestagsabgeordneten und Regierungsvertretern die letzte mit Streumunition bestücke Rakete der Bundeswehr entsorgt. „Unsere Arbeit ist für die nächsten Jahre gesichert“, sagte damals Geschäftsführer Christoph Rüssel. Sein Unternehmen wollte um Aufträge auch aus Übersee kämpfen. Doch die Abnahme der zu entsorgenden Munition führte dann bei der Nammo Buck GmbH zur Auftragsflaute. Nicht alle Staaten, sie sich im Jahr 2000 der Osloer Vereinbarung zur Ächtung von Streubomben angeschlossen hatten, wollen angesichts der Weltlage alle Waffen vernichten. Mit dieser Situation hatte  Nammo Buck erst ab 2020 gerechnet. Bis dahin wollte man andere Geschäftsfelder erschließen. Die Zeit hat nicht mehr gereicht. 2017 wurden 20 Mitarbeiter entlassen. Bis zuletzt war die Mitarbeiterzahl auf 31 gesunken. Nun verlassen die letzten Mitarbeiter Pinnow. Ein Sozialplan verspricht ihnen Abfindungen nach Betriebszugehörigkeit und Unterstützung bei Umschulungen. Für Pinnow geht ein Kapitel zu Ende, das dem Dorf eine passable Infrastruktur und europaweite Aufmerksamkeit beschert hat.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG