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Spektakuläre Wiedererrichtung der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gewölbe in der Prenzlauer Marienkirche / Schlussstein von Bildhauer Jörg Steinert

Spektakulär
Jahrhundertbau nach mittelalterlichem Vorbild

Oliver Schwers / 19.01.2019, 06:30 Uhr - Aktualisiert 21.01.2019, 09:30
Prenzlau (MOZ) Es ist derzeit vermutlich der größte Gewölbebau in einer Kirche in Deutschland: Die riesige Marienkirche in Prenzlau bekommt ihre alte Deckenkonstruktion zurück, 73 Jahre nach der Zerstörung. Der erste Abschnitt ist jetzt mit dem Schlussstein fertig geworden.

Schon das Gerüst ist ein Meisterwerk. Zwischen den wuchtigen Backsteinpfeilern der domartigen Halle ragt die Metallkonstruktion bis ins Dach. Metalltreppen führen hinauf, immer höher. Ganz oben ein Podest aus Holzplatten. Wer hier steht, kann nicht nach unten sehen. Es sind immerhin 18 Meter über dem Fußboden.

Der Weg führt weiter durch eine verschachtelte Holzkonstruktion aus Bohlen und Brettern, auf denen Steine liegen. Ganz oben gleißendes Licht von extrem hellen Strahlern. Hier arbeiten die Handwerker der Baudenkmalpflege Prenzlau GmbH. Sie stehen inmitten kreisrunder Kuppeln, gesetzt aus rotem Backstein. In Handarbeit wie einst: Ein Stein, ein Kalk, nein - kein Bier. Jede neue Reihe der in Polen hergestellten Ziegel macht das Loch etwas kleiner. Bis am Ende nur noch eine Öffnung übrig bleibt. Hier hinein wuchten Stephan Hintze und Christian Schröter an einem Seil den sogenannten Schlussstein. Der besteht aus Granit, extra angefertigt von dem Schönermarker Bildhauer Jörg Steinert. Das ornamentgeschmückte und nach einem durchdachten Bildwerk bearbeitete Stück muss genau passen, sonst hält die gesamte Gewölbekappe nicht.

Gut gelaunt lotst Superintendent Reinhart Müller-Zetzsche etliche Besucher auf die Baustelle zwischen Himmel und Erde. Denn einen traditionellen Gewölbebau bekommt man heute nirgendwo mehr zu sehen. Die evangelische Kirche hat sich im Vorfeld für diese Variante entschieden, aus Tradition und in Ehrfurcht vor dem gewaltigen Bauwerk, das seit 700 Jahren über die Dächer der Stadt blickt. Die Marienkirche gilt als eine der bedeutendsten in der norddeutschen Backsteingotik. Doch durch das Feuer, in dem Prenzlau in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 unterging, brachen auch die massiven Gewölbe unter der Last des einstürzenden Daches zusammen.

Jetzt, 73 Jahre später, endet das Wiederaufbauwerk, das schon heute viele Handwerker beschäftigt hat. 120 000 Ziegel, dazu speziell geformte Rippensteine, versperren künftig den bis jetzt offenen Blick in das eigentliche Dachgeschoss. Das 2000 Quadratmeter große Gewölbe, bestehend aus 21 Einzelkuppen in sieben Jochen und drei Kirchenschiffen, vollendet den architektonischen Ausdruck eines sakralen Innenraums aus dem Mittelalter. Und so soll der Dom seine einstige Wirkung später wieder auf den Besucher entfalten. „Das Schwierigste ist, die Geometrie zu ermitteln“, erklärt Architekt Klaus Schmidt vom Büro Dr. Krekeler Generalplaner. In der Nachkriegszeit sind viele Gewölbe neu gebaut worden. Heute stellt das eher eine Ausnahme dar.

Der erste Abschnitt ist fertig, die Firma pünktlich. „Ein besonderes Gefühl, ein feierlicher Augenblick“, sagt Reinhart Müller-Zetzsche. Neben ihm liegen Rippensteine auf den präzise vorgefertigten Holzrundungen. Dieses genau vorbereitete Gerüst stützt die Konstruktion während der Bauphase, bis die Kuppel von allein hält.  Mindestens 500 Tonnen schwer dürfte das Gewölbe sein. Es kostet satte 3,47 Millionen Euro. Und darf auch nicht teurer werden, bangt der Superintendent.

Jetzt sind die Gerüstbauer wieder am Zuge. Sie verwandeln den nächsten Abschnitt der Kirchenhalle in einen gigantischen Metallbaukasten. Wegen des Gewichts von Gerüst und Gewölbe müssen extra Stahlträger über den Fußboden gelegt werden, um darunter liegende Gruftbauten zu schützen.

Ende des Jahres 2020 verschwinden Stützelemente wieder, um dann den endgültigen Blick auf das Gewölbe frei zu geben. Es wird dann wieder die Postkartenansicht von vor 1945 sein.

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