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Bekrönung
Schnuller in der Turmkugel der Kirche

Hoch über den Dächern von Kerkow ist die Kirchenbekrönung aufgesetzt worden. In der restaurierten Turmkugel finden alte und neue Dokumente sowie eine Märkische Oderzeitung Platz. Vor 45 Jahren traf ein Blitz das Gebäude und löste einen Brand aus.
Hoch über den Dächern von Kerkow ist die Kirchenbekrönung aufgesetzt worden. In der restaurierten Turmkugel finden alte und neue Dokumente sowie eine Märkische Oderzeitung Platz. Vor 45 Jahren traf ein Blitz das Gebäude und löste einen Brand aus. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 14.06.2019, 20:00 Uhr - Aktualisiert 14.06.2019, 21:11
Kerkow (MOZ) 45 Jahre nach einem Blitzeinschlag ist der Turm zu Kerkow wieder in voller Höhe auferstanden. Mit lustigen Grüßen an die Nachwelt.

Das hat es wohl nicht gegeben: Pfarrer Uwe Eisentraut aus Angermünde hat einen Kinderschnuller auf einem Kirchturm verewigt. Eingelötet in eine Kupferhülse liegt er jetzt in 40 Meter Höhe in der Turmkugel von Kerkow. Ein Gruß an künftige Generationen. Der Schnuller stammt von Klein-Gustav, dem mit vier Monaten jüngsten Einwohner des Dorfes. Er hat an der feierlichen Bekrönungszeremonie der Kirche teilgenommen. Neben ihm der älteste Einwohner, Karl-Heinz Finke, der gemeinsam mit Uwe Eisentraut weitere Botschaften und eine Märkische Oderzeitung für die Nachwelt verpackte.

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Der große Festakt zu Füßen der Kirche beendet die Schäden eines verheerenden Blitzeinschlags am 6. Juli 1974, bei dem der hölzerne Aufbau des Turms abbrannte. Dass die Folgen nicht schlimmer waren, ist einem Glücksumstand zu verdanken: Damals saßen gerade die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr gegenüber in der Dorfkneipe. Sie hatten es nicht weit und retteten sogar noch die Glocke. Den Turm konnte die Kirchgemeinde teilweise wieder aufbauen, allerdings nicht mehr in voller Höhe. Superintendent Wackwitz aus Angermünde hinterließ in einem Schreiben die Hoffnung, dass es gelingen möge, das alte Aussehen wiederherzustellen. "45 Jahre nach dem Brand steht der Kirchturm wieder da", so Uwe Eisentraut in der Andacht vor rund 100 Gästen.

Auch wenn die Kosten bei 325 000 Euro liegen, hatte sich die Kirchgemeinde entschieden, wieder eine hölzerne Haube aufzusetzen. Damit ist man wieder bei der Ursprungshöhe. Angekoppelt an die historische Wetterfahne und den wiederaufgesetzten Turmknauf (er war im Heimatmuseum) ist ein moderner Blitzableiter. Seine Funktion hat das Wetter gerade getestet. Just nach Installation der Spitze schlug der Blitz ein, berichtet Architektin Bettina Krassuski vom Angermünder Planungsbüro ALV. Passiert ist – nichts. In der restaurierten Turmkugel stecken wieder Abschriften von drei alten Dokumenten, die zwar 1974 verbrannt, aber noch leserlich waren. Außerdem ein Bericht aus heutiger Zeit, Kinderzeichnungen und die Namen von Spendern der Restaurierung. "Ich empfinde heute einfach nur Freude", sagt Uwe Korepkat vom Kreiskirchenrat. "Es ist die Erfüllung 20 Jahre währender Bemühungen."

Feuchtigkeit hinterließ Schäden

Korepkat hat gemeinsam mit dem Freundeskreis der Kirche immer wieder auf den schwieriger werdenden Bauzustand des Turms und des Daches hingewiesen. Er wollte verhindern, dass die kleineren Löcher irgendwann einen Totalschaden hinterlassen. Als die Fachleute schließlich hinter die Balken schauten, entdeckten sie dann das ganze Ausmaß der Tragödie. Eingedrungene Feuchtigkeit trieb die Baukosten in die Höhe. Neue Balken mussten gewissermaßen mit dem Kran durch ein Nadelöhr in der Außenmauer eingefädelt werden.

In den nächsten Wochen wandert das Gerüst zum Kirchenschiff über. Dort beginnt der zweite Bauabschnitt. Die Handwerker haben dem Bau viel Glück gewünscht und nach alter Sitte Sektgläser zerschellen lassen.

Wenn Klein-Gustav mal alt ist und die Turmkugel geöffnet werden sollte, kann er seinen Schnuller aus den ersten Kindertagen wieder in Empfang nehmen.

Wahrzeichen mit Symbolwert

Und wieder kamen die klammen Fragen auf, warum denn so viel Geld für eine so komplizierte Sanierung fließen soll. Und warum der Turm unbedingt die alte Höhe bekommen muss. Kann man die Gelder nicht anders verwenden, wenn es bei 470 Einwohnern nur noch 69 Kirchenmitglieder gibt?

Nein, die Kerkower haben völlig richtig entschieden. Es geht nicht darum, was gerade möglich ist und was nicht. 1974 hat die Kirchgemeinde auch ihr Möglichstes getan. Mehr war damals nicht drin. 45 Jahre danach sind die Folgen des Blitzschlags beseitigt und auch die Feuchtigkeitsschäden im Turm. Damit steht der wieder sicher und weithin sichtbar.

Genau das ist der Symbolwert. Hier geschieht ein Wiederaufbauwerk mit großem Nutzen. Nicht nur für Gemeindeglieder, sondern für alle, die das Denkmal anschauen, die Glocken hören, die Zeit an der Uhr ablesen, zum Konzert gehen, das Krippenspiel zur Weihnacht genießen, Konfirmation haben oder getauft werden.

Kirchen sind die uralten Wahrzeichen uckermärkischer Landschaft. Sie waren über Jahrhunderte die höchsten Gebäude. Also müssen sie schon allein wegen der überall aus dem Boden schießenden Windräder behauptet werden. ⇥Oliver Schwers

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Turmkugel Uwe Eisentraut Schnuller Karl - Heinz Finke Kirchturm

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