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Immer mehr und immer jüngere Menschen verfallen der Zockerei auf der Jagd nach dem großen Reichtum, mit fatalen Folgen.

Glücksspiel
Jugendliche verfallen immer mehr dem Glücksspiel

Verzockt: Zum Aktionstag gegen Glücksspielsucht hat das Angermünder Krankenhaus mit der Suchtberatungsstelle zu einer thematischen Lesung eingeladen. Die Therapeuten Gerlind Mittelstädt und Horst Gierke lesen Texte von Betroffenen und aus der Literatur.
Verzockt: Zum Aktionstag gegen Glücksspielsucht hat das Angermünder Krankenhaus mit der Suchtberatungsstelle zu einer thematischen Lesung eingeladen. Die Therapeuten Gerlind Mittelstädt und Horst Gierke lesen Texte von Betroffenen und aus der Literatur. © Foto: Daniela Windolff
Daniela Windolff / 08.10.2019, 06:30 Uhr
Angermünde (MOZ) Rien ne va plus! Nichts geht mehr! Das Spiel ist zu Ende. Wie oft er diesen Satz am Roulettetische wohl hört? Jetzt ist er brutale Realität. Nichts geht mehr. Das Spiel ist zu Ende. Er ist am Ende. Ruiniert, hoch verschuldet, einsam. Es ist die wahre Geschichte eines erfolgreichen Unternehmers, eines Spielers, der in nur zwei Jahren vom Multimillionär zum Hartz-IV-Empfänger wurde, ein Absturz, wie er sich leider tausende Male wiederholt, Schicksale, die sich oft im Verborgenen auch ganz in der Nähe abspielen.

250 000 Euro verzockt

Der totale Absturz droht auch aus geringer Höhe, weiß Horst Gierke. Er leitet die Beratungsstelle für Abhängigkeitskranke am GLG Krankenhaus Angermünde und hilft dort nicht nur Alkohol-, Drogen- oder Nikotinabhängigen, sondern zunehmend Menschen mit pathologischer, also krankhafter Glücksspielsucht. Gierke ist zudem Mitglied im landesweiten Netzwerk "Frühe Erkennung bei pathologischem Glücksspiel" in Brandenburg.

Aktuelle Erhebungen gehen davon aus, dass etwa 1,5 Millionen Menschen regelmäßig und häufig Glücksspiele spielen. Das heißt, sie spielen um Geld. Ob beim Lotto, am Spielautomaten, mit Rubbellosen, beim Poker oder Roulette im Spiel-Casino, bei Sportwetten, und – mit alarmierender Zunahme – bei Glücksspielen im Internet, gerade unter jungen Menschen. Das sei um so gefährlicher, da das Internet eine Dunkelzone sei, in der man immer und überall unbeobachtet spielen und die man im Gegensatz zu öffentlichen Spielhallen kaum kontrollieren könne. Etwa 500 000 Spieler sind suchtgefährdet oder bereits krank und gefangen im Strudel des Verlierens und Gewinnens.

"Spielen ist eine schöne Beschäftigung, bei der es um Gemeinschaft, Unterhaltung, Spannung, auch Wettbewerb und vor allem um Spaß geht", so Gierke. Riskant wird es, wenn es um Geld geht, um schnellen Gewinn von oft nicht unerheblichen Summen, die da in Aussicht gestellt werden. "Der Einsatz von Geld ist das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen Spiel und Glücksspiel." Dabei hängt es beim Glücksspiel ganz allein vom Zufall ab. Und das birgt das größte Risiko. "Die Gefahr ist, dass man bei einem schnellen größeren Gewinn sofort in einen Rausch kommt, noch mehr gewinnen zu wollen", beschreibt der Suchtexperte den häufigsten Einstieg in die Sucht. "Sie hatten Glück, das war ihr Pech", sagt er zu Betroffenen. Verliert man, wächst der Ehrgeiz, den verlorenen Einsatz wieder rauszuholen, durch noch mehr Spiel. So dreht sich die Spirale aus Gewinn und Verlieren immer weiter und zieht den Spieler in einen Sog. Er kann nicht mehr aufhören, egal, ob er gewinnt oder verliert. Die Folgen sind katastrophal. Kontrollverlust und der Zwang, immer mehr Geld einsetzen zu müssen, auch wenn es verloren wird, führt zum finanziellen Ruin. "Krankhafte Spieler versuchen dann, alles zu Geld zu machen, manchmal sogar das Häuschen der Oma und mitunter beschaffen sie es sich auch auf kriminellem Wege", so Horst Gierke. Die höchste Summe, die einer seiner Angermünder Patienten verzockte, waren 250 000 Euro.

Zum finanziellen Absturz kommt die soziale Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes, der Familie, der Freunde. "Bei Spielsucht ist das unmittelbare soziale Umfeld des Betroffenen oft noch viel stärker belastet, als bei anderen Süchten, obwohl es die Betroffenen oft lange schaffen, ihre Abhängigkeit zu vertuschen und zu verleugnen." Man kann sie nicht sehen, nicht riechen. Bis das Lügengerüst irgendwann komplett zusammenbricht. Das Suizidrisiko sei bei Spielsüchtigen neunmal höher als im Durchschnitt. Und bei etwa jedem zehnten klappe es, sagt Gierke.

Deshalb ist es für das Team der Suchtberatungsstelle und der Suchtklinik im Angermünder Krankenhaus wichtig, neben der direkten Hilfe für Betroffene auch Angehörige und Freunde aus dem Umfeld aufzuklären sowie immer wieder an die Öffentlichkeit zu gehen, um das Thema aus der Tabuzone zu holen. Dazu nutzen sie Vorträge, Projekttage in Schulen sowie kürzlich den bundesweiten Aktionstag gegen Glücksspielsucht, den sie in diesem Jahr für eine thematische Lesung nutzten, von Auszügen aus Dostojewskis Roman  "Der Spieler" mit autobiografischen Zügen bis zu Texten von Betroffenen aus "Bunte Lichter, kurze Schatten".

Hier finden Betroffene und Angehörige Hilfe

Beratungsstelle für Abhängigkeitskranke Angermünde für Betroffene und Angehörige, Rudolf-Breitscheid-Straße 41, Telefon (kostenlos): 03331 271192;

Anonyme Telefon-Hotline zur Glücksspielsucht der BZgA: 0800 1372700;

Telefonseelsorge: 0800 1110111

Informationen: www.check-dein-spiel.de

Spielsucht ist eine Krankheit. Die Kosten für Beratungs- und Therapieangebote übernehmen die Krankenkassen.

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