Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Abbau kultureller Barrieren
Swantje Henke produziert Theaterstück mit Geflüchteten und Einheimischen

Optimistisch: Trotz der anstrengenden Proben denkt Swantje Henke schon ans nächste Projekt.
Optimistisch: Trotz der anstrengenden Proben denkt Swantje Henke schon ans nächste Projekt. © Foto: Justin Evans
Katharina Schmidt / 08.11.2019, 06:30 Uhr - Aktualisiert 08.11.2019, 07:59
Angermünde (MOZ) Auf der Bühne kniend, gibt Swantje Henke noch letzte Anweisungen. Dabei kuschelt sich die vierjährige Ange eng an sie. Nur widerwillig lässt die kleine Kamerunerin mit den vielen Zöpfen die Regisseurin los, denn gleich beginnt im Angermünder Jugendzentrum Braue die Premiere.

Zum zweiten Mal bringt die Schauspielerin und Theaterpädagogin Swantje Henke in der Uckermark geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Einheimischen zusammen; auch Anges junge Mutter ist dabei. Im Trio entwickelten Henke, ihr Freund Justin Evans und die norwegischen Regisseurin Johanna Olausson eine Performance mit rund 30 jungen Menschen aus elf Ländern. Entstanden ist "Was mir nah, ist mir fern" – ein szenisches Mosaik aus Gesang, Tanz und dramatischem Spiel, das auf den persönlichen Erlebnissen der Teilnehmer basiert; im Stück bewachen etwa zwei zerstrittene Königinnen die Grenzen ihrer Länder.

Anders als bei der vorangegangenen Produktion "Welcome To My Life" aus dem Jahre 2015, an der geflüchtete und deutsche Schüler mitwirkten, wollte Henke dieses Mal direkt mit Teenagern aus Flüchtlingsunterkünften arbeiten. "Für die ist es am wichtigsten, überhaupt irgendetwas zu tun", erzählt Henke.

Das Motivieren in den Unterkünften klappte zunächst gut,  allerdings sprangen viele wieder ab. Manche verloren die Lust, oft waren es aber die Eltern, die das Spielen auf der Bühne verboten. "Viele können mit Theater als Hobby nichts anfangen und wollen lieber, dass ihr Kind Fußball spielt." Es folgten Diskussionen. "Für jedes einzelne Kind mussten wir jedes Mal von Neuem kämpfen", seufzt Henke, die in Stolzenhagen (Uckermark) wohnt.

Zwischen zwei Welten

Dass es auch ganz anders laufen kann, weiß sie von ihrer anderen Tätigkeit in einem Berliner Kindergarten im Prenzlauer Berg. "Den Kindern dort merkt man an, dass sie von ihren Eltern gefördert und angetrieben werden. Allerdings brauchen sie das Theaterspiel dann auch nicht so sehr." Bei den Brandenburger Projekten hingegen, gefördert über Bundesmittel, beobachtete Henke einen therapeutischen Effekt: "Viele Kinder hatten anfangs eine starke Hemmung. Das Spiel im geschützten Rahmen legte nach und nach verschüttete Kompetenzen frei. Irgendwann wurden die Kinder kontaktfreudiger und mutiger", freut sich Henke. Nicht nur seelische, sondern auch kulturellen Barrieren bauten sich durch die gemeinsame Arbeit unter den jungen Spielern ab: "Da hat sich beispielsweise ein serbisches Mädchen mit einem aus dem Kosovo angefreundet." Sie resümiert: "Deswegen sind solche Projekte so wichtig. In der Schule hätten sie wohl nicht die Chance, um in Kontakt zu treten."

Das erste Projekt dieser Art betreute sie 2012 in Thailand mit Waisenkindern. Für die Schauspielerin, die unter anderem am Berliner Ensemble und Wiener Burgtheater spielte, war die Erfahrung der Anlass zur Umorientierung: "Die Arbeit mit den Kindern war viel sinnstiftender und erfüllender."

Jedoch bringt ihre neue Beschäftigung  auch Tiefen mit sich. "Man kann von den Reaktionen der Kinder ableiten, wenn sie geschlagen werden", erzählt sie mit verdüsterter Miene. Manche Begegnungen hätten sie mehrere Nächte wachgehalten. Auf die abschließende Frage, wie sie sich emotional schützt, entgegnet sie: "Es ist schwer, sich abzugrenzen. Und ich weiß auch gar nicht, ob man das sollte."

Vorstellungen des aktuellen Stückes: 8.11., Eberswalde (Exil), 9.11., Stolzenhagen (Milchgarten), 16.11., Oderberg (Sporthalle), jeweils 18 Uhr, Eintritt frei

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG