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In Angermünde formiert sich dieser am 9. November 1989 zunächst hinter verschlossenen Türen. Zu den Aktiven gehört Pfarrer Andreas Uecker.

Mauerfall
Aufbruch hinter Kirchenmauern

Daniela Windolff / 09.11.2019, 06:45 Uhr
Angermünde (MOZ) Wir sind das Volk, skandieren Hunderttausende auf den Straßen in Leipzig und Berlin. In Angermünde ist es noch still im Herbst 1989. Doch auch hier sind Menschen aufgewacht und aufgebrochen, dem verkrusteten SED-Herrschaftsapparat die Stirn zu bieten. Was zunächst hinter verschlossenen Türen beginnt, gipfelt am 1. November 1989 in einer bisher nie dagewesenen öffentlichen Protest-kundgebung im Kaisergarten und einen Tag vor dem Mauerfall, am 8. November, in der Gründung des Neuen Forums. Die Wende ist in Angermünde endgültig angekommen. Doch der Wind der Veränderung weht schon länger durch Wohnstuben und Kirchenräume.

Ökumenischer Friedensweg

"1. September, 18 bis 20 Uhr, Ökumenischer Friedensweg durch Angermünde mit ca. 150 Teilnehmern, Andachten an markanten Orten der Stadt", steht auf einem mit Schreibmaschine geschriebenen Protokoll, das Andreas Uecker jetzt nach 30 Jahren wieder in die Hände fiel. Er kam damals als junger Pfarrer nach Angermünde und gehörte zu den Aktiven des Wendeherbstes in der Region. "Die Ereignisse dieser Zeit bewegten auch hier viele Menschen, die Orte zum Austausch suchten und den Wunsch spürten, aktiv zu werden", erinnert sich Andreas Uecker. Man trifft sich in privaten Wohnungen. Doch vor allem die Kirche bietet den geschützten Raum für Treffen und Gespräche und Angermünder Pfarrer wie Prager, Werdin, Zörner und Uecker den Halt und den Mut, die Menschen zusammenzuführen und Wut und Angst in einen gemeinschaftlichen, friedlichen Protest zu wandeln.

Der ökumenische Friedensweg ist eine Form. Schweigend postiert man sich sogar vor der Kreisdienststelle der Stasi. Ein friedvolles Zeichen des Mutes und der Entschlossenheit, die Andreas Uecker auch heute noch, 30 Jahre später, nachspüren kann. "Es wuchs eine unglaubliche Kraft in den Menschen, etwas gemeinsam verändern zu wollen, nachzudenken und Missstände in der Gesellschaft anzusprechen, wie es heute wieder wünschenswert wäre. Das ist etwas, was ich aus dieser Zeit für mein ganzes Leben mitgenommen habe", erzählt Andreas Uecker, der 2003 in die Pfarrstelle der Kreuz-Kirchengemeinde Bliesendorf (Potsdam Mittelmark) wechselte.

Im rumorenden Herbst 1989 ahnt noch niemand, dass die Tage der Mauer und damit der DDR gezählt sein würden. Die einzige Hoffnung ist Veränderung ohne Repressalien und Gewalt. Diese Angst schwingt immer mit. "Ich erinnere mich an eine Veranstaltung im Gemeindehaus, bei der darüber diskutiert wurde, ob wir Kerzen in die Fenster stellen als Zeichen der Hoffnung und Reform im Land. Eine Frau aus der Gemeinde sagte ehrlich, dass sie Angst habe, das zu tun. Das haben wir respektiert. Es war immer ein Spagat, der Sensibilität erforderte", erinnert sich Andreas Uecker. "Auch Diskussionen darüber, was wichtiger ist: zu den Demos nach Berlin fahren oder hier vor Ort etwas in Bewegung setzen, wurden immer wieder geführt." Und es bewegt sich. "Kirchliche Woche vom 9. bis 14. Oktober in Angermünde: Referentin am 9. Oktober Frau Cykiewisz nimmt Stellung zum Verbot der Kirchenzeitungen und den Reformkräften", heißt es im Protokoll von 1989. Diskussionsveranstaltungen in der Marienkirche sind überfüllt. Nicht nur Christen kommen, auch andere Bürger. Und Stasileute. Angeblich mit Dienstwaffe. "Es war für beide Seiten eine große Herausforderung, wie man damit umgeht", erinnert sich Andreas Uecker. Alles bleibt friedlich.

Neues Forum gegründet

Am 8. November 1989 wird die Wende in Angermünde vollends sichtbar. Mit einem offenen Abend nimmt das Neue Forum seine Arbeit auf, um für die Reformarbeit neue Strukturen zu finden. "Die Veranstaltung wurde unterbrochen und gesagt, wer danach zurückkommt, gehört dazu." Das Neue Forum ist gegründet. Einen Tag später fällt die Mauer. "Ich bin am 9.November  spät nach Hause gekommen, hatte noch den Fernseher angemacht und hinter grauen Schleiern Politiker wichtige Worte reden gehört und bin eingeschlafen. Am nächsten Morgen klingelt sich das Telefon heiß. Meine Mutter und Schwiegermutter fragten besorgt, ob ich noch da sei. Als ich irritiert entgegnete, warum denn nicht, erzählten sie, dass die Grenze offen sei", erinnert sich Andreas Uecker schmunzelnd. Jetzt will er er erst recht bleiben. "Der besondere Geist von 1989 ist für mich das Entscheidendste der Wende. Dass Menschen einfach aufbrechen für neue Lebensformen, eine bessere Gesellschaft, eine gerechtere Welt. Ich habe die Hoffnung, dass man das wiederbeleben kann, wie es die Fryday-for-future-Bewegung schon zeigt. Nicht nur anklagen, sondern aufstehen. Das bedeutet Freiheit."

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