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Auf dem Lande werden zahlreiche Menschen ausgegrenzt, wenn sie nicht selbst Auto fahren können.

Nahverkehrs-Ebbe
Festgekettet ans Dorf

Barrierefreie Busse: Sie werden überall eingeführt. Doch ein Rollstuhlfahrer auf dem Lande hat nichts davon, wenn gar kein öffentlicher Nahverkehr stattfindet. Wohlfahrtsverbände machen Druck auf Bundes- und Landesregierung.
Barrierefreie Busse: Sie werden überall eingeführt. Doch ein Rollstuhlfahrer auf dem Lande hat nichts davon, wenn gar kein öffentlicher Nahverkehr stattfindet. Wohlfahrtsverbände machen Druck auf Bundes- und Landesregierung. © Foto: Oliver Voigt
Oliver Schwers / 22.11.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 22.11.2019, 08:02
Angermünde (MOZ) Jeder, der auf Busse und Bahnen angewiesen ist, weiß ein Lied davon zu singen: In den Weiten der Uckermark steht man oft allein da. Gäbe es nicht den zwingend notwendigen Schulbus, der auch andere Leute mitnimmt, dann würde in vielen Orten gar kein öffentlicher Nahverkehr vorhanden sein. Zu wenig Menschen, zu lange Strecken, zu hohe Kosten. Dabei schießt der Landkreis schon 4,8 Millionen Euro jährlich dazu, um die wichtigsten Linien aufrecht zu erhalten. Einerseits rollen leere Busse durch die Landschaft, andererseits kommen alte Menschen nicht mehr vom Dorf weg.

Und junge Eltern und Kinder trifft es ebenso: Wer auf dem Lande lebt, muss seinen Nachwuchs im Dauertakt zu Arbeitsgemeinschaften, Musikschule und Sportveranstaltungen chauffieren.

Versuchskaninchen

Doch die fehlende Mobilität stellt beileibe kein ausschließliches Uckermark-Problem dar. "Was hier abläuft, ist für ganz Deutschland beispielhaft", sagt Dunja Schwarz-Fink vom Paritätischen Landesverband. "Deswegen muss die Uckermark Versuchskaninchen sein. Hier müssen neue Sachen ausprobiert werden."

Inzwischen verlangen immer mehr Betroffene neue Lösungen von Bund und Land. Bei einem Workshop "Nachhaltige Mobilität im ländlichen Raum" im Angermünder Bildungswerk zeigt sich das ganze Ausmaß deutscher Bürokratie und künftiger Schwierigkeiten einer älter werdenden Gesellschaft. Bezeichnend: Eingeladen hat unter anderem die Volkssolidarität. Denn gerade die Wohlfahrtspflege sieht bei der Betreuung von älteren oder behinderten Menschen, was alles nicht funktioniert. Häufig würden Angehörige ihre Eltern ins Heim geben, weil es weder einen mobilen Mittagstisch auf dem Dorf gibt noch eine Betreuungsform und niemand da ist, der mal nachschaut, ob alles in Ordnung ist. Dabei wollen gerade alte Menschen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben.

Schuld sind nicht nur fehlende Busse, sondern auch Gesetze, Vorschriften und Reglementierungen. "Schwachsinnig, was hier passiert", schimpft Dunja Schwarz-Fink. Altenpfleger dürfen ihre Kunden nicht mit zum Arzt oder zum Einkauf nehmen. Der DHL-Fahrer, der täglich durchs Dorf düst, auch nicht. Pflegekräfte dürfen ihre Dienstwagen nicht mit nach Hause nehmen.

Doch es hapert auch an anderen Stellen. Von Nachhaltigkeit keine Spur. "Da werden Straßen nicht ertüchtigt und Bahnsteige zu kurz gebaut", ärgert sich Siegmund Bäsler von der Unternehmervereinigung. "Und wir bezahlen auch noch die, die uns reglementieren."

Bus-Ebbe am Wochenende

Die Touristiker sehen, dass viele Urlauber zwar in die Natur wollen, aber mit dem Auto kommen. Manche können sich gar keine Buslinien heraussuchen, weil der Mobilfunk Löcher hat. Und am Wochenende ist gleich ganz große Bus-Ebbe. Ebenso an den Kreisgrenzen.

Der Klimawandelmanager des Biosphärenreservats wünscht sich für Schulausflüge einen separaten Wasserstoffbus. Der wird aber noch nicht mal gebaut. "Wir haben keinen Spielraum für neue Antriebsformen oder alternative Angebote", erklärt Lars Boehme, Chef der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft. "Wir brauchen generell mehr Bundesförderung und deutlich mehr Landesmittel für Züge und Plusbus-Systeme." In der Uckermark gibt es indessen genügend Ideen für besseren Nahverkehr.

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