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Tarifvertrag
Mehr Lohn nach langem Arbeitskampf

Oliver Schwers / 13.01.2020, 20:30 Uhr
Angermünde (MOZ) Große Emotionen: Als Sylvia Papendorf den Gutschein für eine Reise ins Vier-Sterne-Hotel an der Ostsee unter großem Beifall in die Hand bekommt, brechen die Tränen der Rührung hervor. Gewerkschaftsmitglieder und Mitarbeiter der Volkssolidarität haben gesammelt und ihn als Dankeschön für eine große Leistung überreicht. Denn Sylvia Papendorf hat nie aufgegeben, für ihre Kollegen zu kämpfen. Für mehr Geld in der Pflege, für mehr Anerkennung, für eine gerechte Bezahlung eines schweren Jobs. Und so ist etwas höchst Seltenes passiert, woran anfangs niemand auch nur zu denken wagte: Eine eingeschweißte Truppe des Wohlfahrtsverbandes aus der Uckermark hat es geschafft, erstmals einen Manteltarifvertrag für die Pflege zu erkämpfen. Nicht für sich, nicht für ihr Unternehmen, sondern für alle in Brandenburg.

Schlechte Bezahlung

Begonnen hat das vor zehn Jahren mit Murren, Gehaltsforderungen, Arbeitgebergesprächen. Und dann wurden die Unzufriedenen lauter. Schließlich entdeckten sie die Kraft der Öffentlichkeit und ihren eigenen Mut: Mit spektakulären Aktionen brachten sie in den vergangenen Jahren die schlechte Bezahlung in der Pflege immer wieder in die Schlagzeilen. Es fing mit sechs Leuten und aktiven Kaffeepausen an, plötzlich standen empörte Grüppchen vor der Kreisgeschäftsstelle in Angermünde, dann reisten Warnstreikende aus allen Teilen der Uckermark an. Sie hängten Unterwäsche auf, ließen Pfeifkonzerte hören, malten pfiffige Transparente, fuhren zum Landesverband und sogar vor die Tore der Krankenkasse. Immer häufiger und immer lauter.

Am Ende kam in einer ganz besonderen Situation ein Manteltarif heraus. Der sorgte für einen Gehaltssprung bis zu 300 Euro. Damit hätten die Streikbereiten der Uckermark nie gerechnet. "Ihr wart die, die die Tarifmauer durchbrochen haben", bestätigt Frank Ploß, Gewerkschaftssekretär von ver.di. Der Tarif gilt seit Oktober. Das Besondere: Zuvor mussten sich nicht wie üblich nur Arbeitgeber und Beschäftigte einigen, sondern hier hatten die Kassen als Geldgeber ein Wort mitzureden.

Doch Ploß spricht von einer "Schande" für die Arbeitgeber. Denn obwohl der Manteltarif refinanziert werde und den Arbeitgebern keine finanziellen Nachteile entstünden, hätten sich bislang nur wenige Unternehmen und Verbände angeschlossen. Tausenden Mitarbeitern in der Pflege würde damit Geld fehlen. "Das zeigt die Haltung der Arbeitgeber in Brandenburg", schimpft der Gewerkschaftssekretär.

Gemeinsam mit vier seiner Kollegen ist er extra zu einer Dankeschön-Party in die Uckermark gekommen. Denn die Gewerkschafter mussten erkennen, dass ihnen frustrierte und gut vernetzte Volkssolidaritäts-Streiker auch Beine machen konnten. Warnstreik verschieben? "Nö", hieß es einst auf einer heiklen Versammlung. Und dann kam ver.di ins Schwitzen. "Angermünde, das kleine gallische Dorf", erinnert sich Gewerkschaftssekretärin Janine Balder. Sie wollte ursprünglich einen eigenen Tarif nur für die über 200 Leute in der Uckermark. Doch da spielte der Landesverband nicht mit. Aus heutiger Sicht eine richtige Position. Denn die Volkssolidarität wollte gleiche Verhältnisse in allen Kreisen.

Noch ein Rückschlag

Und dann kam doch der Rückschlag, als der Arbeitgeber trotz Tarifvertrag nicht zahlen wollte. "Da waren wir fast am Ende", berichtet Sylvia Papendorf. "Aber der Druck war so groß, dass wir nicht aufhörten, sondern weitermachen mussten."

Die Volkssolidarität Angermünde ist in ganz Brandenburg bekannt geworden. Bei Arbeitgebern, Kassen und Gewerkschaftern. Und bei Kollegen. Jetzt rührt die Gewerkschaft die Werbetrommel, dass sich weitere Arbeitgeber dem Tarif anschließen. Sie empfehlen schlecht bezahlten Pflegemitarbeitern einen kleinen Abstecher in das gallische Dorf da oben im Norden.

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