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Integration
Flüchtlingskind aus Schwedt will Abitur machen

Mit Schulmappe unterm Arm: Dima Almallohee schaut ernst in die Kamera. Dabei hat das Flüchtlingsmädchen an der Dreiklang Oberschule Schwedt einen super Abschluss in der 10. Klasse gemacht. Jetzt hat es das Abitur im Blick.
Mit Schulmappe unterm Arm: Dima Almallohee schaut ernst in die Kamera. Dabei hat das Flüchtlingsmädchen an der Dreiklang Oberschule Schwedt einen super Abschluss in der 10. Klasse gemacht. Jetzt hat es das Abitur im Blick. © Foto: privat
Eva-Martina Weyer / 31.07.2020, 04:00 Uhr
Schwedt (MOZ) Sie war zwölf Jahre alt, als sie aus Syrien geflohen ist und im Libanon strandete. Von dort erneut die Flucht, dann Ankunft in Berlin und schließlich in Schwedt. Hier hat sie in kürzester Zeit Deutsch gelernt. Vor wenigen Wochen hielt Dima Almallohee ihr Abschlusszeugnis der 10. Klasse in der Hand.

Matthias Schreck, Rektor der Oberschule Dreiklang, überreichte es ihr freudestrahlend. Auf dem Zeugnis steht ein "Q". Das bedeutet Qualifizierung: Dima, das Flüchtlingskind aus Syrien, kann nun Abitur machen.

Zweifel und Zielstrebigkeit

Ihr Schicksal ähnelt dem von anderen Flüchtlingen in Schwedt. Aber Dima hat, dank der Hilfe ihrer Familie, einen eigenen, zielstrebigen Weg eingeschlagen. "Ich möchte Abitur machen und mehr Erfahrungen sammeln über deutsche Politik und Geschichte", sagt die 17-Jährige.

Im Sommer 2017 ist sie nach Deutschland gekommen. Da war der Höhepunkt der Flüchtlingswelle überschritten. "Hier waren Ferien, und ich habe angefangen Deutsch zu lernen über you tube und mit Büchern von meinem Bruder", erzählt Dima, deren Muttersprache Arabisch ist.

An der Gesamtschule Talsand hat sie mit anderen Flüchtlingskindern einen Deutschkurs besucht und ist danach an die Oberschule Dreiklang gewechselt. "Ich kam in eine ganz normale Klasse. Das war schwierig, weil ich niemanden kannte. Es war aber auch eine gute Entscheidung, weil ich viel Hilfe von den Lehrern bekommen habe und meine Zensuren verbessern konnte." Chemie mag sie gar nicht, Mathe aber ist ihr Lieblingsfach.

Bald stand fest, dass sie mehr wollte, als nur den 10. Klasse-Abschluss. "Aber ich habe auch Angst gehabt, weil die Leute sagten, man braucht gute Noten. Ich habe immer im Kopf, dass ich aus dem Ausland komme." An der Dreiklang Oberschule hat Dima sich wohlgefühlt, ein Mädchen aus Polen wurde ihre Freundin. An die Prüfungszeit erinnert sie sich so: "Ich habe jeden Tag mit Christa Dannehl zusammengearbeitet und gelernt. Sie war wie eine Oma für mich. Christa Dannehl war Lehrerin, ist über 80 und längst im Ruhestand. Dennoch engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe und hat Dima ins Herz geschlossen. Christa Dannehl sagt: "Dima ist zu einer selbstbewussten jungen Frau herangewachsen. Sie weiß, was sie will."

Dima ist ein ernster, nachdenklicher Typ. Das liegt wohl an ihrer Vergangenheit im Kriegsgebiet. An der jahrelangen Trennung von ihrem Vater und den drei Brüdern. An der unsicheren Zeit im Libanon, wo sie mit ihrer Mutter in einer winzigen Wohnung lebte und das Geld kaum für die Miete reichte. "Das war keine schöne Zeit. Ich war zwölf und hatte Angst", erinnert sie sich. "Aber in Syrien war es noch schwerer, Essen zu beschaffen. Unser Haus stand auf der Straßenseite, die gegen Assad ist. Dort waren Scharfschützen positioniert, die uns beim Einkaufen beschossen haben."

Als ihr Vater nach Deutschland floh, hat die Familie nicht gewusst, ob sie sich je wiedersehen wird und wann. "Aber so ein Leben im Krieg wollten wir nicht mehr führen. Man muss stark sein, um etwas zu erreichen. Das hat unsere Familie beschlossen. Auch meine Brüder haben das Recht, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie hatten damals keine Träume mehr", erzählt Dima.

In Deutschland lernen dürfen

Inzwischen ist ihre Familie nach Berlin gezogen. Ein Bruder hat gerade das Abitur abgelegt und will an einer Berliner Universität studieren. Dima hat sich an zwei Schulen beworben, um dort ihr Abi zu machen. Eine Schule hat aus Platzgründen abgesagt. An der anderen hat sie noch eine Chance.

Sie musste eine Arabisch-Prüfung ablegen. "Ich habe noch einmal gelernt. Denn ich hatte viel Grammatik vergessen", sagt Dima. "Trotz der schlimmen Sachen, die in meinem Leben passiert sind, will ich das Beste aus mir machen. Ich werde immer sagen, dass ich in Deutschland lernen durfte und hier eine große Chance bekommen habe."

Sommer 2015: Flüchtlinge aus Syrien kommen an

In Schwedt waren im Dezember 2019 exakt 1488 Ausländer mit Wohnsitz gemeldet. Darunter waren 221 Menschen aus Syrien und 87 aus Afghanistan. 603 Menschen haben die EU-Staatsbürgerschaft, darunter sind 495 Polen. Der Ausländeranteil an den Schwedter Einwohnern lag im Dezember insgesamt bei 1,6 Prozent.

Zum Vergleich: Im Oktober 2015 zu Beginn der Flüchtlingskrise haben 163 Menschen aus Syrien in Schwedt gelebt. Der Höhepunkt mit Flüchtlingen aus Syrien in Schwedt war im März 2016 mit 310 Menschen erreicht.

Untergebracht waren die meisten Flüchtlinge in Spitzenzeiten wie dem März 2016 in Notunterkünften. 448 Menschen haben dort gelebt, darunter 264 aus Syrien. Heutzutage leben die meisten Menschen aus Syrien in Wohnungen von Schwedt, nur drei in einer Notunterkunft. ⇥emw

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