Zwischen zwei Fronten steht die Landwirtschaft der Uckermark: Sie muss auch in schwierigen Zeiten Geld verdienen und soll gleichzeitig ökologischer arbeiten. Der Konflikt spitzt sich immer mehr zu und wird auf dem Rücken der Bauern ausgetragen.
Robert Habeck kennt den Streit. Der frühere Landwirtschaftsminister und heutige Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Grüne verlangt mehr Ökologisierung der Landwirtschaft. Er will aber größere Gräben zwischen konventionellem und Öko-Landbau vermeiden. Landwirte seien oft gezwungen, intensiv zu wirtschaften. Sie stehen im Weltmarktvergleich. Jede Beschränkung sei ein ökonomischer Verlust. Weil aber der Wunsch nach anderen Gütern wachse, müsse man den Öko-Landbau als Vorbild betrachten.
Habeck erklärt das auch seinen eigenen Anhängern, die den Saal des Multikulturellen Centrums Templin an diesem Abend überfüllen. Die Veranstaltung hat sich im ganzen Land herumgesprochen. Etliche von ihnen tönen mit scharfen Worten gegen konventionelle Bauern. Der Kreisverband Uckermark der Grünen hat mit seinem Dialog-Forum „Perspektive Landwirtschaft – Agrarindustrie oder Sehnsuchtsbiotop?“ ins Wespennest gestochen. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft zeigt sich besonders deutlich in einem der größten Agrarkreise Deutschlands und wird maßgeblich den Wahlkampf der Grünen bestimmen. Es geht um Massentierhaltung, Belastungen im Wasser und im Boden, um Dünger, große Maschinen, Fruchtfolgen und Vermarktung.
500 Betriebe der Uckermark arbeiten derzeit konventionell, 80 ökologisch. Beide hätten ihre Berechtigung, so Landrätin Karina Dörk. Größtes Problem, welches beide Seiten trifft: klimatische Veränderungen.
Doch auch der Einkauf von branchenfremden Großinvestoren in die bodenträchtige Landwirtschaft der Region wird von fast allen Bauern heftig kritisiert. Die Folge: Kleinere Betriebe geben auf, Anleger drängen auf Gewinn, kümmern sich nicht um alte Dorfstrukturen. Die hier üblichen Großbetriebe würden den Generationswechsel auch noch behindern, behauptet Stefan Palme, Öko-Landwirt aus Wilmersdorf. Das begünstige fremde Investoren.
Beim Kampf um Boden kann der Staat regulieren, meint Robert Habeck. So könnten die BVVG-Flächen in eine Stiftung überführt und nach gesellschaftlichen Kriterien verpachtet werden anstatt sie meistbietend zu verkaufen. Auch Kaufbremsen in Gesetzen seien möglich. Von juristischen Hürden spricht dagegen Henrik Wendorff, Präsident des Landesbauernverbands. Man dürfe auch den Respekt vor dem Eigentum nicht verlieren. „Nicht jeder Investor ist ein schlechter Investor.“
Einig sind sich konventionelle und Öko-Bauern ebenfalls beim Nachwuchsproblem. Der Berufsstand müsse mehr attraktive Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. „Im Lohngefüge sind wir aber nicht konkurrenzfähig“, so Wendorff.
Uneinigkeit herrscht dagegen vor allem bei der Tierhaltung. Hier laufen gerade in der Uckermark Klagen und Verfahren zwischen Bürgerinitiativen, Genehmigungsbehörden, Bauern und Umweltverbänden. „Tierhaltung, die Bürgern gefällt, sollte anders aussehen als jetzt“, so Folkhard Isermeyer, Präsident des Thünen-Instituts. „Zielbilder im Umgang mit Nutztieren“ könnten helfen. Manche Lebensmittel würden aber extra billig gehalten. Würde man dagegen zum Beispiel bei Fleisch den normalen Mehrwertsteuersatz nehmen, könnte man die geschätzten sechs Milliarden Euro zusätzlich für andere Haltungsformen einsetzen. Die Verantwortung für die Ernährungssicherheit mahnt Udo Folgart an, landwirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. „Und wir müssen wegkommen vom pauschalen Verurteilen“, so Henrik Wendorff. „Wichtig ist, dass es dem Einzeltier gut geht.“ Dass man sich hier am Ende einer zweieinhalbstündigen Podiumsrunde einigt, hat Landwirt Stefan Palme nicht geglaubt. „Ich habe – was lautstarke Auseinandersetzungen betrifft – Schlimmeres erwartet.“