Für Doris Wittstock und ihren Mann Aufried, der bis zu seiner schweren Diabeteserkrankung in der Gaststätte mitgearbeitet hat, war es ein guter Tag. "Ich wollte schon lange aufhören", sagt die 72-jährige Wirtin, die mehr Zeit für ihren Mann haben möchte. Die Mürower, die bei ihr bislang ihr Feierabendbier tranken oder sich im Saal zur Chorprobe oder Vereinssitzung trafen, gönnen ihr den Ruhestand und feierten am Montagabend zusammen eine fröhliche Party.
Alle Vereine des Dorfes waren gekommen: der Angelverein, der Heimatverein, der Dartclub, die Feuerwehr, der Rentnertreff, die "Alten Herren" und der gemischte Chor Mürow. Am Tisch der Familie Wittstock nahmen auch ehemalige Mitarbeiterinnen Platz. Rund 80 Leute erlebten zwischen dem Weihnachtsfest und Silvester gesellige Stunden bei Schnittchen, Knabbereien und Getränken, die an diesem Abend von Helfern ausgeschenkt wurden. Für die richtige Einstimmung sorgte Oma Liesbeth, alias Torsten Schünemann, der seine Witze über die Mürower riss, die Gäste zum Schunkeln brachte, lustige Gutscheine an das Ehepaar Wittstock verteilte und Frühstückstüten an die Anwesenden ausgab, die diese zum Schluss aufpusteten und knallen ließen.
Der Sohn des Gastwirtspaares, Jens Wittstock, der zugleich Ortsvorsteher und Vorsitzender des Dartclubs ist, sprach anschließend ein paar Worte. Nach der Gratulationskur und der Übergabe der Blumensträuße zum Abschied ging die Party mit Tanz weiter.
Seit 1908, so war von Jens Wittstock zu erfahren, ist der Gasthof in Besitz der Familie. Von Generation zu Generation wurde das Geschäft weitergegeben. Dass Doris einmal Gastwirtin werden würde, hätte sie als junge Frau nie vermutet, erzählt sie. Sie und Mann Aufried zogen damals aus Gotha in das Haus seiner Vorfahren, in das sie von Anfang an viel Kraft und Geld stecken mussten. Das Gemeindebüro hatte in dem recht heruntergekommenen Haus einst seinen Sitz. Ernst Splittgerber von der HO-Leitung kam zu den Wittstocks und sagte: Ihr müsst die Kneipe übernehmen. Im Januar 1971 ging es los. "Es war immer voll", sagt Doris Wittstock, die von den Erntefesten, Tanzvergnügen und anderen Feiern schwärmt. Während die Kneipe eigentlich ein Familienbetrieb war, wurden bei großen Veranstaltungen Kellner engagiert. Zu den Helfern gehörte die Nichte Marion Krüger, die die HO-Gaststätte mit eröffnete und hier arbeitete, bis sie ihre eigene Familie gründete. Auch Irmgard Schrinner aus Mürow arbeitete eine Zeitlang mit. "Es hat Spaß gemacht", sagt sie.
Auch nach der Wende war noch viel los, erzählt Doris Wittstock, die als Angestellte der abgewickelten HO entlassen wurde und sich im Nebenerwerb selbstständig machte. Sie und ihr Mann steckten noch einmal ein beträchtliches Vermögen in die Renovierung des Saales. "Wir haben viele Bauleute versorgt, die zum Beispiele in der Schwedter Papierfabrik tätig waren." Gegenüber, auf der anderen Seite des Dorfteiches, waren die Männer in einer Containersiedlung untergebracht.
Später wurde es ruhiger. Die Gästezahl nahm ab. Der große Raum stand oft leer. Die Nebenkosten waren höher als die Einnahmen - Zeit, aufzuhören. "Von den 43 HO-Gaststätten hatten nur noch vier durchgehalten, die von ehemaligen Mitarbeitern übernommen wurden" weiß Doris Wittstock. Jetzt ist es nur noch eine: der "Schweizer Hof" in Angermünde von Renate Grenz.
Für die Mürower kommt die Schließung ihrer Kneipe nicht überraschend. Dies war die Voraussetzung, um Fördermittel für den Ausbau des neuen Dorfgemeinschaftshauses zu erhalten, das im Mai übergeben wurde. Das wird nun auch die Trainings- und Versammlungsstätte des Dartclubs. Der Chor probt schon dort, auch die Senioren fühlen sich in dem behindertengerecht ausgestatteten Gebäude wohl.
Der Mürower Saal wird leer bleiben. Wittstocks vermieten ihn nicht, denn sie wohnen in dem Haus. Die Küche am Saal ist für einen gesonderten Gaststättenbetrieb zu klein.