Im Umgang mit Städten hatten die Landesherren der Mark Brandenburg schon seit dem Mittelalter sehr unterschiedliche Auffassungen. Doch Angermünde galt jahrhundertelang immer als wichtiger Verkehrs- und Handelsknoten in einer seit Urzeiten von Menschen besiedelten Region. Auf den Behördentischen der Potsdamer Ministerialbürokratie sind die alten Karten offenbar verloren gegangen. Die Stadt, die mit ihrer Ausdehnung von 326 Quadratkilometern immerhin auf Platz 15 der gesamtdeutschen Liste landet, soll entsprechend des Landesentwicklungsplans nicht einmal mehr die Bedeutung eines Mittelzentrums haben. Provinz eben. Nix mehr los.
"No go", sagt Jörn Klitzung von der IHK Eberswalde. Und formuliert damit in zwei Worten die Grundstimmung im Planungsausschuss der Regionalversammlung Uckermark-Barnim. Wenn Angermünde kein Mittelzentrum wird, reißt das riesige weiße Flecken in die Grundversorgung des gesamten Umlands. Die dramatischen Ausmaße wirft die Planungsstelle mit einer Karte an die Wand. Die Folgen wären bis Oderberg und Chorin spürbar.
Was total theoretisch klingt, lässt sich praktisch ausmalen: Die vielfältige Schullandschaft würde den Bach runtergehen. Es wäre künftig auch fast unmöglich, Bauland neu auszuweisen, Infrastruktur zu entwickeln, Ärzte anzusiedeln, Gewerbe und Handel auszubauen. So jedenfalls hat es der Angermünder Bürgermeister Frederik Bewer in seiner Dialogreihe Visionen 2030 den Einwohnern erklärt. Ausgerechnet die Dinge der Daseinsvorsorge, die seit Alters her auf ein riesengroßes Umland wirken, sind in Gefahr. Jetzt trumpft die Stadt mit vereinten Kräften auf, unterstützt von umliegenden Orten, den Kreisen und der Regionalplanung.
Denn gerade ist die Entwicklung von Wirtschaft, Schulen, Geschäften, Kitas, Bauwillen, Zuzug und sinkender Arbeitslosigkeit deutlich zu spüren. Angermünde hat schon jetzt keine Bauflächen. Das Bauamt sucht Grundstücke. Berliner wollen aufs Land. Der große Bahnhof ist das Eingangstor in die Uckermark und Hauptumstiegsplatz der meisten Pendler. Wer nach Stettin will, muss hier entlang.
Die Nähe zur Autobahn macht Angermünde sogar interessant für eine mögliche Großansiedlung der Industrie. Die ist zwar bisher ausgeblieben, doch wer auch hier in die Geschichte blickt, weiß, dass Angermünde in den 1930er-Jahren nur knapp am Gründungsstandort des Volkswagenwerks vorbeiging.
"Hier werden die Aufgaben, die Angermünde längst wahrnimmt, völlig missachtet", sagt Claudia Henze, Chefin der Regionalen Planungsstelle. Die Liste reicht vom Krankenhausstandort bis zur Erholungsfunktion, von Einkaufsmöglichkeiten bis zur Steuererklärung.
Und nun ein weißer Fleck auf der Brandenburger Daseinskarte. Der Hintergrund ist offenkundig: Die Potsdamer Planer haben - obwohl Angermünde fast alle Kriterien eines Mittelzentrums erfüllt - mit ihren Überlegungen einfach an der Kreisgrenze stopp gemacht.Dabei wirken gerade hier immer noch die traditionellen Verbindungen bis Lunow und Ziethen, Joachimsthal, Chorin und Oderberg.
Nach Stellungnahmen und Kritik entwirft die Regionalplanung nun eine eigene Karte für die beiden Kreise Uckermark und den Barnim. Zurzeit laufen Untersuchungen, um genau festzustellen, wo neben den Mittelzentren sogenannte grundfunktionale Standorte existieren.
Ob Angermünde wieder Mittelzentrum wird, hängt nun von der Politik ab. Die Landesherren im Mittelalter machten sich einst selbst ein Bild von der Lage, bevor sie ganze Städte verwarfen.