Wir bilden aus und keiner kommt. Diese bittere Erfahrung machen derzeit hunderte Ausbildungsbetriebe in Brandenburg. Kurz vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres sind noch rund 2000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Vor allem im Handwerk und in ländlichen Regionen suchen Betriebe händeringend Lehrlinge. Einer von ihnen ist die Fensterbaufirma Hilzinger in Angermünde. Die Firma mit Hauptsitz in Willstätt (Baden) und insgesamt 1300 Beschäftigten zählt zu den Marktführern bei der Fertigung von Fenstern und Türen und ist international tätig.

Hilzinger bietet noch Lehrstellen

Seit Jahren bildet Hilzinger seinen Fachkräftenachwuchs in elf Berufen selbst aus. „Wir haben konstant eine Ausbildungsquote von 15 Prozent und hätten unser Wachstum ohne eigene Ausbildung nicht geschafft“, betont Geschäftsführer Helmut Hilzinger. Doch diesen Standard zu halten, werde immer schwieriger. Am Standort Angermünde mit 80 Beschäftigten sind die drei gewerblichen Lehrstellen für die Ausbildungsberufe Verfahrensmechaniker Kunststoff- und Kautschuktechnik und Maschinen- und Anlagenführer noch unbesetzt. Die Firma sucht Bewerber. Lediglich im kaufmännischen Bereich hat aktuell ein Bürokaufmann seine Ausbildung begonnen. Damit steht Hilzinger exemplarisch für viele Unternehmen in Brandenburg.

Perspektiven in Brandenburg schaffen

Warum das so ist und wie Wirtschaft, Schule und Politik gemeinsam Ausbildung in der Region stärken können, ist ein Thema, das Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach und Bildungsministerin Britta Ernst durchs Land treibt.
„Brandenburg will Dich! Hier hat Ausbildung Zukunft“, ist das Motto der Unternehmensbesuche des Minister-Doppels, das mit dem gemeinsamen Auftritt Schule und Wirtschaft als Verbund der dualen Ausbildung repräsentieren will. „Wir wollen noch stärker für die duale Ausbildung werben und zeigen, dass es sich lohnt, in Brandenburg auszubilden und sich ausbilden zu lassen“, sagt Jörg Steinbach.

10 000 Ausbildungsplätze in Brandenburg

Ziel sei es, jedes Jahr 10 000 Ausbildungsplätze zu schaffen und alle Schulabgänger unmittelbar in Ausbildung oder Studium zu vermitteln. „Wir wollen nicht, dass viele jahrelang wie Irrlichter suchen, bis sie ihren Platz gefunden haben“, sagt Britta Ernst. Doch das klappt noch nicht immer. „Wir wissen nicht warum und wollen deshalb genauer hinschauen“, so Steinbach. Eine Ursache scheint fehlende Motivation und zunehmende Orientierungslosigkeit junger Menschen zu sein. Viele Schüler hätten bis zum Schulabschluss noch keine Ahnung, welche berufliche Richtung sie einmal einschlagen wollen und was zu ihnen passt. Die Landesregierung will Betriebspraktika, Potenzialanalysen und Berufsorientierung noch stärker in den Fokus rücken und früher ansetzen.

Wichtiger als Zensuren sei Motivation

Die Firma Hilzinger bietet seit Jahren Schülerpraktika an, informiert auf Messen, geht direkt in die Schulen und hat engen Kontakt zur Arbeitsagentur, versichert Frank Wendt, Produktionsleiter in Angermünde. Trotzdem werde es immer schwerer, Azubis zu finden, weil auch die schulische Qualifikation oft unzureichend sei, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathe, Physik und Chemie. Doch nur auf Zeugniszensuren zu schauen, kann sich das Unternehmen gar nicht mehr leisten. Wichtiger seien Motivation und Sozialkompetenzen. „Die Situation hat sich total umgekehrt. Bis vor einigen Jahren hatten wir eine Lehrlingsschwemme und haben trotzdem immer versucht, alle Bewerber unterzubringen. Jetzt herrscht Azubi- und Fachkräftemangel“, bestätigt Helmut Hilzinger. Das sei in allen Bundesländern ein Problem, in ländlichen Regionen wie Angermünde aber deutlich dramatischer.

Wie macht man die Uckermark schmackhaft?

Wie kann man jungen Leuten die Uckermark schmackhaft machen und zeigen, dass man sich hier nicht nur gut erholen, sondern auch gut arbeiten kann? Wie erfahren Schulabgänger in Berlin von Hilzinger in Angermünde? fragt Minister Steinbach provokant. Und hat eine Idee gegen den „Klebeeffekt“: „Warum können Azubis nicht in den drei Jahren Ausbildung mal ein halbes Jahr an einen anderen Standort wechseln, zum Beispiel nach Angermünde, um dort die Region kennen- und vielleicht lieben kennenzulernen?“ Auch an die Finanzierung eines Führerscheins für Azubis in ländlichen Regionen, ähnlich des 365-Euro-Tickets als Anreiz, denkt der Minister in der Runde laut nach.

Ausbildung mit Arbeitsplatzgarantie

Die Firma Hilzinger lässt Azubis durch verschiedenen Unternehmensbereiche in ganz Deutschland kennenlernen, übernimmt die Reisekosten, bietet Arbeitsplatzgarantie, ermöglicht Qualifizierungen wie Meisterausbildung oder duales Studium. „Wir öffnen alle Türen. Bei uns kann man auch Karriere machen.“