Milchviehanlage Schmargendorf, Forstverwaltung Görlsdorf, Uckermark-Freileitung, Windfeld Greiffenberg, Schweinemastanlage Haßleben. Das sind inzwischen Reizworte in der Uckermark geworden. Kaum plant ein Investor ein Bauprojekt, gründet sich eine Bürgerinitiative, die dagegen kämpft. Oder ist es umgekehrt? Gehen Bürger auf die Barrikaden, weil sie sich von Politikern und Behörden übergangen fühlen? Weil sie ihre Interessen für eine intakte Umwelt wirtschaftlichem Profit geopfert sehen?
In diesem Spannungsfeld bewegte sich die Diskussion zur Zukunft des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. „Anlass ist die Beobachtung, dass der Naturschutz im Biosphärenreservat immer mehr zugunsten einer Nutzung durch den Menschen zurückgedrängt wird. Hier bedarf es einer Klärung, ob die Folgen der derzeitigen Entwicklung gesehen und gewollt sind oder ob die Idee des Biosphärenreservats als einer Modellregion für eine zukunftsfähige Entwicklung politisch unterstützt wird“, erläuterte Anita Schwaier, Vorsitzende des einladenden Vereins Zubila, das Anliegen des Forums.
Im Podium saßen neben ihr Eberhard Henne als ehemaliger Leiter des Biosphärenservates, Moderator Martin Krassuski, die Landtagsabgeordneten Axel Vogel (B90/Grüne), Michael Luthardt (Linke) und Henryk Wichmann (CDU), SPD-Unterbezirkschef Frank Bretsch, Hartmut Kretschmer, neuer Leiter des Biosphärenreservates, sowie Johanna Henschel, Geschäftsführerin des Angermünder Tourismusvereins. Im Publikum der voll besetzten Caféteria der Freien Schule Angermünde hatten vor allem Vertreter der Bürgerinitiativen und deren Unterstützer sowie interessierte Bürger Platz genommen. Was fehlte, war der Gegenpart, Vertreter der Wirtschaft, Landwirte. Und so blieb die Diskussion trotz aller Brisanz relativ einseitig.
Die Sorgen der Initiatoren lassen sich zusammenfassen: Sie befürchten, dass durch Großinvestitionen im Biosphärenreservat, egal, ob es den Mausoleumsberg oder die Milchviehanlage in Schmargendorf betrifft, der Schutzcharakter der Region ausgehöhlt, Natur und Landschaft nachhaltig zerstört und die Lebensqualität der Bewohner im Schutzgebiet sinken wird.
In ihrer Herkunftsregion Frankfurt am Main sei alles platt gemacht worden,warnte die Altkünkendorferin Anita Schwaier vor ähnlichen Fehlern in ihrer neuen uckermärkischen Heimat und forderte, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur konsequent zu wahren. Henryk Wichmann warnte davor, „sich mit Erfahrungen aus Ballungsgebieten in den alten Bundesländern vor den Uckermärker zu stellen, der immer mit der Natur gelebt hat“. Nicht umsonst sei die Natur hier noch intakt. Doch die Menschen hier müssten auch wirtschaften dürfen.
Axel Vogel gab zu bedenken, dass nur zwei Prozent der Fläche im Land als Naturentwicklungsfläche, also Totalreservate, ausgewiesen werden soll. Das sei im internationalen Vergleich sehr wenig. „Ich habe Sorge, dass das Biosphärenreservat durch Großinvestitionen eine Hülle ohne Inhalt wird.“
Martin Krassuski kritisierte die Förderpolitik des Landes, die sich auf Wachstumskerne konzentriert und kleinteilige, regionale Entwicklungen im ländlichen Raum gering schätzt. Johanna Henschel forderte, wenn es Ausnahmegenehmigungen für Bauvorhaben in der Biosphäre gäbe, müssten diese für alle gelten, und nicht beispielsweise einer Frau aus Steinhöfel das Errichten eines kleinen Radlerstützpunktes unmöglich machen.
Hartmut Kretschmer sprach sich deutlich gegen Massentierhaltung und Monokulturen im Biosphärenreservat aus. Das Schutzgebiet sei Modellregion für eine nachhaltige Entwicklung, das heiße, es sollen Beispiele für kleine regionale Kreisläufe, regionale Energiekonzepte, Ökolandbau und Naturtourismus entwickelt und gefördert werden, die nachweislich mehr Arbeitsplätze bringen als Großprojekte der konventionellen Landwirtschaft. „Wir fördern bewusst eine umweltverträgliche Nutzung und weisen im Biosphärenreservat selbst Gewerbeflächen aus.“
Eberhard Henne betonte, dass das Biosphärenreservat nie Schlagbäume aufgestellt, sondern vielmehr Überzeugungs- und Vermittlungsarbeit geleistet habe. Die vielen Bürgerinitiativen beweisen, dass sich immer mehr Bürger mit dem Biosphärenreservat identifizieren und die Akzeptanz gestiegen sei. „Dass Wertschöpfung durch nachhaltige Nutzung möglich ist, zeigen über 100 Betriebe mit dem Prüfzeichen des Biosphärenreservates. Förderung vom Land gibt es für solche Projekte leider kaum.“
Warum es dennoch so harte Konflikte gebe, deutete Frank Bretsch als Kommunikationsproblem. Die betroffenen Einwohner müssten von Anfang an stärker einbezogen werden. „Ich vermisse ein Aufeinanderzugehen, zum Beispiel in Görlsdorf. Die Dorfbewohner befürworten das Projekt. Doch viele andere springen auf den Protestzug und ziehen sich am Adelstitel hoch.“ Politik und Behörden müssten beide Seiten anhören, abwägen und nach rechtsstaatlichen Gesetzen prüfen und entscheiden. Darauf habe jeder Investor ein Recht.
Thomas Bernstein vom Verein Zubila schlug einen Runden Tisch vor, an dem alle Beteiligten zu Wort kommen können.