Geschützt und geachtet. Mit diesem Ansatz eröffnet die Awo im Angermünder Seniorenzentrum „Am Stadtwall“ einen neuen Wohnbereich für besonders hilfsbedürftige alte Menschen. Von Daniela Windolff
Heute wird gekocht. Es ist Kürbiszeit und auf dem Tisch werden alle Zutaten für eine Suppe ausgebreitet. Wer kennt das Rezept? Wer möchte den Kürbis zerteilen, die Möhren putzen? Wer traut sich zu, die Zwiebeln ohne Tränen zu schälen? Ergotherapeut Heiko Kasperski und Pflegekraft Anja Jahn haben die Küchenrunde im neu eröffneten Wohnbereich des Awo-Seniorenzentrums „Am Stadtwall“ vorbereitet und ermuntern einfühlsam die betagten Bewohner, hier mitzuhelfen. Einige kommen bereitwillig an den großen Tisch und greifen zu Küchenmesser und Holzbrett, andere schauen erst abwartend zu und einzelne stehen ungeduldig immer wieder auf.

Bewohner mit eigener Persönlichkeit

Ein Teil der Menschen, die Heiko Kasperski und Anja Jahn an diesem Nachmittag gemeinsam zu beschäftigen versuchen, sind demenzkrank und schweben immer wieder in ihre eigene fremde Welt davon, ohne dass sie von den Pflegern energisch aufgehalten werden. „Uns ist es wichtig, unsere Bewohner als eigene Persönlichkeiten zu achten und sie weitestgehend selbst bestimmen zu lassen, was sie tun oder lassen möchten. Wir zwingen sie nicht, bei Beschäftigungsangeboten mitzumachen, zu einer festgelegten Uhrzeit aufzustehen oder Mahlzeiten einzunehmen. Wir machen viele Angebote, sind immer für sie da, aber sie dürfen selbst entscheiden“, erklärt Heimleiterin Doreen Gnorski und begründet dies: „Unsere Bewohner verbringen hier die letzte Zeit ihres erfüllten Lebens und die wollen wir ihnen so angenehm wie möglich gestalten und sie dabei unterstützen und begleiten, statt sie zu bevormunden, unabhängig davon, wie hilfebedürftig sie sind.“

Komplette Etage im Erdgeschoß

Um gerade auch den Bewohnern mit Demenz besser gerecht werden zu können, hat die Arbeiterwohlfahrt als Träger der Einrichtung in dem Gebäude in der Jägerstraße eine komplette Etage im Erdgeschoss umgebaut und als geschützte Station neugestaltet. Hier haben die Bewohner neben den geräumigen Einzelzimmern sowie Doppelzimmern für Paare auch einen großen Speiseraum mit integrierter Küche und direktem barrierefreien Zugang in den umzäunten Garten. Pflegekräfte und Bewohner essen hier gemeinsam, das schafft familiäre Vertrautheit.

Halt und Orientierung

In den weitläufigen Korridoren laden gemütliche Sitzecken wie kleine Wohnzimmer zum Verweilen und Erinnern ein. Ob plüschiger Ohrensessel unter der Stehlampe, nostalgischer Röhrenfernseher oder alte Nähmaschine, es sind für viele Bewohner Stücke mit vertrauter Erinnerung. Und gerade das Erinnern sei für Menschen mit Demenz ein wichtiger Halt, ein Stück Orientierung in der schwindenden Gegenwart. „Wir legen sehr viel Wert auf Biografiearbeit mit unseren Bewohnern. Wenn wir viele Details aus ihrem Leben, aus ihrer Vergangenheit kennen, können wir auch leichter einen Zugang finden und sie für Aktivitäten interessieren und motivieren“, erzählt Ergotherapeut Heiko Kasperski, der sich auf die Arbeit mit dementen Bewohnern spezialisiert hat. Überhaupt würden in dem neuen Wohnbereich alle Mitarbeiter freiwillig arbeiten, betont Einrichtungsleiterin Doreen Gnorski. „Wir möchten, dass die Mitarbeiter das gern und verantwortungsvoll tun. Denn es ist eine besondere Herausforderung und es liegt nicht jedem.“

Bewohner sollen sich wohlfühlen

Anja Jahn gehört zu diesem zwölfköpfigen Team. Mit ihrer liebevollen Geduld sei sie hier goldrichtig und sehr beliebt bei den Bewohnern. „Mein Opa ist an Demenz erkrankt. Ich habe mich damit also schon auseinandergesetzt. Ich möchte, dass sich die Bewohner wohl fühlen“, sagt die junge Pflegekraft bescheiden. Auch Pflegehelfer Christian Redepennig glaubt, hier bei der Arbeit mit alten Menschen seine Berufung gefunden zu haben. Nach jahrelangen knochenschweren Hilfsjobs auf dem Bau wählte er die Ausbildung zum Altenpflegehelfer und ist zufrieden. „Die Arbeit auf der neuen Station interessiert mich. Ich möchte das kennenlernen und bisher macht es mir im Team und mit den Bewohnern viel Spaß. Und schließlich ist der Job auch krisenfest“, sagt der junge Mann.

Personenzentrierter Ansatz in der Pflege

Feste Bezugspersonen, ein strukturierter Tagesablauf mit sehr viel Beschäftigung sowie individuelle Begleitung seien gerade für demente Menschen wichtig, bestätigt Heiko Kasperski. Hier arbeitet man nach der so genannten Tom-Kidwood-Methode, ein personenzentrierter Ansatz in der Pflege von Demenzerkrankten, die die Einzigartigkeit der Persönlichkeit positiv hervorhebt und die Befriedigung seelischer Grundbedürfnisse in den Mittelpunkt rückt. Dazu gehören die liebevolle Zuwendung, das einfach immer Dasein und die Berührungen ebenso, wie der Erhalt oder das Zurückholen von Alltagskompetenzen, wie Zwiebeln pellen. Und der Geschmack von Kürbissuppe wärmt dann die Seele genauso, wie das dazu gesummte Lied und der herzliche Händedruck. Das spüren nicht nur die Bewohner, sondern auch die Pfleger.