In Angermünde hat sich eine Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch kranker Menschen gegründet, die erste im Landkreis, die eine große Lücke füllt. Sie soll Betroffenen Austausch und gegenseitige Hilfe im Umgang mit seelischen Leiden ermöglichen.
Sie leiden, aber sind nicht krank. Sie haben Redebedürfnis und bleiben doch oft stumm. Sie möchten helfen, und wissen nicht wie. Sie sind manchmal wütend und schämen sich dafür. Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen schleppen oft eine schwere Last aus Scham, Aufopferung, Überforderung, Ohnmacht und Einsamkeit durch ihren Alltag, den andere nicht sehen und abnehmen können.
Dr. Martin Sandner, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie  und -somatik im Angermünder Krankenhaus kennt dieses Problem aus seiner täglichen Praxis. Vor ihm sitzen nicht nur Patienten, sondern fast immer auch Angehörige, die Rat, Hilfe und Verständnis suchen. "Die Angehörigenarbeit ist gerade im Bereich der Psychiatrie ungeheuer wichtig. Denn seelische Erkrankungen betreffen immer die ganze Familie und beeinträchtigen wie viele andere schwere chronische Erkrankungen erheblich den gesamten Alltag", sagt Dr. Martin Sandner.
Doch während Krebs, Herzerkrankungen oder Diabetes "gesellschaftsfähig" sind, liegt auf psychischen Erkrankungen noch immer ein großes Tabu, ein Makel von geisteskrank oder verrückt. Dieses Stigma, das der Psychiatrie über Generationen anhaftete, führe oft dazu, dass Betroffene und auch Angehörige solche Erkrankungen nach außen zu verheimlichen versuchen und leugnen aus Scham und Angst vor schiefen Blicken und Gerede. Die Folgen sind häufig Rückzug und soziale Isolation der betroffenen Familien, beobachtet Dr. Sandner besorgt. "Es gibt viel weniger Chancen, sich anderen anzuvertrauen und öffentlich darüber zu sprechen, dass der Partner depressiv ist, die Tochter Schizophrenie hat oder die Mutter unter Angststörungen oder Psychosen leidet", so Dr. Sandner.
Er stieß deshalb die Initiative an, eine Selbsthilfegruppe für betroffene Angehörige zu gründen, die einen geschützten Rahmen für Austausch und Unterstützung unter Gleichgesinnten bietet, unabhängig von Ärzten und Krankenhaus. "Natürlich liegt mir die Angehörigenarbeit als Arzt weiter sehr am Herzen und diese monatlichen Treffen wird es weiterhin bei uns geben. Aber das Gespräch zwischen Arzt und Angehörigen ist eine andere Ebene als zwischen Angehörigen auf Augenhöhe. Oft können sie durch die eigene Betroffenheit, Erfahrungen mit Krankheitsformen im Alltag und mit verschiedenen Therapien einander viel besser helfen und vor allem das Gefühl vermitteln, nicht allein zu sein mit der Last, auch mit manchmal negativen Gefühlen", so Dr. Sandner.
Im Barnim gibt es bereits die Angehörigen-Selbsthilfegruppe Mimose, die sehr gut angenommen wird und auch von Betroffenen aus der Uckermark angefragt wird. Doch die Wege von Schwedt oder Angermünde nach Bernau sind weit. Die Uckermark war bisher in Sachen Angehörigen-Selbsthilfe in der Psychiatrie ein weißer Fleck. Doch der erste Informationstag, den das Angermünder Krankenhaus dazu initiierte, war ein Erfolg. Unterstützt von der Klinik und der Mimose konnten sich interessierte Angehörige über die Möglichkeiten der Selbsthilfe informieren und Gleichgesinnte kennenlernen. Daraus hat sich eine Angehörigen-Selbsthilfegruppe gegründet. "Es ist schwer, Menschen zu erreichen. Wir wollen gern Betroffene ermuntern, zu uns zu kommen, sich auszutauschen, Kraft zu tanken", sagt die Initiatorin. Das Krankenhaus stellt Räume zur Verfügung und bietet Unterstützung bei der Suche nach Referenten. Die GLG gibt bei Bedarf auch finanzielle Zuschüsse.
"Doch Selbsthilfe bedeutet wirklich selbst. Die Angehörigen sollen sich eigenverantwortlich organisieren, sie wissen selbst am besten, was sie brauchen, was sie sich wünschen, unabhängig vom professionellen Hilfesystem", sagt Dr. Sandner.
Die Gruppe trifft sich heute, am 28. März, um 17 Uhr im Angermünder Krankenhaus (PIA). Jeder kann vorbei kommen oder sich unter Tel. 0157 52 444 506 melden.