Angermünde hat seit mindestens einem Jahr einen guten Namen in Köln. Zumindest bei den rund 40 000 Mitgliedern des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Mitte, der seit 1981 die Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe verleiht. Damit werden alle zwei Jahre Menschen und Institutionen in der ganzen Welt geehrt, die sich in besonderer Weise für Opfer von Diktatur, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen einsetzen oder selbst Opfer von Gewalt sind. Im November vergangenen Jahres hatte die Kreissynode beschlossen, dass sie 2019/2020 neben einer weiteren Kandidatin auch der Angermünde Religionslehrer Wolfgang Rall bekommen soll. Weil Corona eine zentrale Veranstaltung in Köln verhinderte, kamen Abgesandte am Donnerstag nach Angermünde. In der St. Marienkirche fand am Abend eine sehr stimmungsvolle Preisverleihung statt, die nicht nur wegen der Kühle im Inneren des Gotteshauses für Gänsehaut sorgte.

Stolz auf den Bürger der Stadt

Beeindruckende musikalische Darbietungen von Sarah und Maria Svarovski, Brigitta Rydholm und Rainer Rafalsky, der Angermünder Kantorei und Orgelmusik von Dieter Glös umrahmten die Grußworte und Ansprachen. Das erste Grußwort hielt Bürgermeister Frederik Bewer, der sichtlich stolz war über die Ehrung eines Bürgers seiner Stadt. Vor allem aber sei sie ein wichtiges Signal. Wolfgang Rall sei ein richtungsweisendes Vorbild, das immensen Respekt verdient, sagte der Bürgermeister und sicherte ihm seine Unterstützung zu.
Wie das Engagement des Religionslehrers in der Jugendarbeit aussieht, beschrieb Martina Heyde, Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, als Mutter. Als Elftklässlerin erhielt ihre Tochter mit dem fakultativen Religionskurs des Einstein-Gymnasiums den Toleranzpreis Angermünder Elle für die Aktion „Ich sehe nicht weg“, in der mit Plakaten und Postkarten Angermünder ein Zeichen gegen Ausgrenzung, Mobbing und Gewalt gesetzt wurde. Solche Projekte stärkten fürs Leben.

Leben, was man lernt

Pfarrerin Susanne Beuth, Superintendentin des Kirchenkreises Köln-Mitte, stellte die Initiative der Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe vor. Georg Fritze war einer von wenigen Pfarrern, die sich dem Nationalsozialismus entgegenstellten. Auch Wolfgang Rall sei ein Mensch, der sein Wissen gerne teilt und Menschen mitnimmt, das zu leben, was man lernt. Durch einen Artikel in der „taz“ sei man am anderen Ende Deutschlands auf den Angermünder aufmerksam geworden. „Wir brauchen Menschen als Vorbild, die sich nicht entmutigen lassen, mit Visionen, wie die Welt sein könnte, die andere für eine gute Sache begeistern und die die Menschlichkeit nicht aufgeben. So einer ist Wolfgang Rall“, sagte sie.
In seiner Laudatio zählte Professor Wolf-Dietrich Buckow, emeritierter Soziologieprofessor der Universität Siegen, die zahlreichen Aktivitäten unter Mitwirkung Wolfgang Ralls auf, von der Reinigung des Gedenksteins für drei Deserteure im Friedenspark mit Schülern, Pflanzaktionen an der Grabstätte auf dem Friedhof, dem Engagement für Stolpersteine für getötete Angermünder Juden oder die öffentliche Erinnerung von Schülern an die Pogromnacht und den Einsatz für Flüchtlinge und gegen den zunehmenden Rassismus.

Preis für viele Angermünder

Wolfgang Rall, der neben der Urkunde und ein Buch auch 5000 Euro erhielt, bedankte sich für die große, wertschätzende Ehrung, die wunderbare Musik und die vielen Gäste, die von nah und fern zur Festveranstaltung kamen. Er habe Pfarrer Georg Fritze zuvor nicht gekannt, aber als studierter Theologe und in seinem Werdegang viele Parallelen entdeckt, sagte er. „Der Preis gebührt allen, die sich engagieren, den Schülern, dem Bürgerbündnis und allen, die unsere Veranstaltungen besuchen und gegen Rechtsradikalismus auf die Straße gehen.“