Eva war zwölf Jahre alt, als ihre Kindheit jäh endete. Ein hübsches Mädchen mit dunklen Augen, das mit Puppen spielte, mit Freundinnen alberte, gern in die Schule ging. Dort wurde Eva eines Tages mitten aus dem Unterricht abgeholt. Lehrer, Mitschüler und Freundinnen sollten das Mädchen nie wieder sehen. An dieses Geschehen erinnerte sich eine ehemalige Mitschülerin, Gerda Gregowski, die noch ein Klassenfoto der damaligen Mädchenschule besitzt, auf dem auch Eva zu sehen ist. Eva wurde am 13. April 1942 mit ihren Eltern Ella und Leo Freundlich, ihren Geschwistern Renate und Sigismund sowie der Familie Gerson von Angermünder Polizisten in Gewahrsam genommen und in ein Sammellager nach Berlin verschleppt. Von dort wurden sie in Konzentrationslager transportiert. Einziger Grund: Sie waren Juden.
Eva wurde nur kurze Zeit später im KZ Trawniki ermordet. Die Mutter und Schwester starben in Auschwitz. Nur Bruder Sigismund konnte durch einen Kindertransport den Vernichtungslagern der Nazis entkommen. An ihn als hilfsbereiten Jungen erinnerte sich Fritz Wilke. Er habe ihm oft Pflaumen geschenkt und dafür von anderen Mitschülern Prügel erhalten.
Margret Sperling erzählt mit bebender Stimme die Geschichte der Familie Freundlich, zeigt Meldekarten und den heute zynisch klingenden Tätigkeitsbericht der Angermünder Polizisten, die bürokratisch akribisch über die Deportation der Juden 1942 Buch führten. Die Stadtarchivarin hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der jüdischen Familien in Angermünde zu erforschen und ihr Andenken zu wahren. Auf ihre Initiative wurde die Aktion Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig auch nach Angermünde geholt.
Mit den ersten sechs Stolpersteinen wurde im Oktober 2012 in der Jägerstraße der ermordeten jüdischen Familie Gerson ein Erinnerungszeichen gesetzt. Zwei Jahre später, am 21. Oktober 2014, sollen nun fünf weitere Stolpersteine an die Familie Freundlich erinnern, die von 1928 bis zu ihrer Deportation 1942 in der Schwedter Straße 2 lebten. Die messingfarbenen Pflastersteine, die Gunter Demnig anfertigen und verlegen wird, tragen die Namen und Lebensdaten der Familienmitglieder und wahren so mitten im Alltagsgetriebe die Erinnerung, provozieren zum Innehalten, zum Nachdenken, zum "Stolpern" über ein grausames Kapitel deutscher Geschichte.
Auch Religionslehrer Wolfgang Rall gehört zu den Motoren der Angermünder Stolperstein-Initiative und wird nicht müde, das Thema mit seinen Schülern intensiv zu erforschen. Und so kam von den Jugendlichen selbst der Anstoß, Spenden für Stolpersteine zu sammeln. Schüler der Freien Oberschule haben dafür freiwillig in Unternehmen gearbeitet, bei Bäcker Schreiber, in der Gärtnerei Syringa und in der Blumberger Mühle, die den Arbeitslohn für die Aktion spendeten. 320 Euro kamen so zusammen. Eltern der Schüler hatten die Summe zusätzlich auf rund 500 Euro aufgestockt. Auch Einstein-Abiturienten finanzieren einen Stolperstein.