Herr Professor Adam, kleine Kinder ängstigen sich angesichts der Bilder im Fernsehen, Meldungen von Toten und Warnungen, rauszugehen. Ist es besser, sie davor zu schützen?
Heutzutage kann man Kinder und Jugendliche nicht mehr vor Medien, den Bildern und Videos schützen, selbst wenn man wollte. Erst recht nicht bei einem so präsenten und bedrohlichen Thema wie der Corona-Pandemie. Die Erwachsenen haben die Aufgabe, zu filtern sowie bei der Bewertung und bei der Einordnung ins kindliche Weltbild zu helfen.
Wie spricht man angemessen über die Situation?
Zunächst sollten Erwachsene den Kindern und Jugendlichen zuhören. Was haben sie gehört, was glauben sie zu wissen und wovor haben sie Angst? Kinder haben manchmal Ängste, die irrational und Eltern zunächst nichtig erscheinen. Trotzdem sollte man diese Ängste und Fragen ernst nehmen, damit man dann kindgerecht darauf eingehen kann. Bei Wissenslücken, die Erwachsene haben, zum Beispiel wie lange noch, sollten sie ehrlich sagen, dass sie das auch nicht wissen. Eigene Ängste, beispielsweise um die Großeltern oder den lungenkranken Vater, sollten angesprochen, aber versucht werden, den Kindern, die Last zu nehmen, dafür verantwortlich zu sein oder daran etwas ändern zu können. Die Botschaft sollte sein: Wir sind Deine Eltern, wir kümmern uns um Dich und das können wir auch. Falls Eltern das Gefühl haben, das nicht zu können, sollten sie die ambulanten Anlaufstellen zum Beispiel der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Martin-Gropius-Krankenhaus, in Bernau oder in Prenzlau aufsuchen und um Hilfe nachsuchen.
Keine Schule, keine Sport-AG, selbst Spielplätze sind gesperrt. Wie vermeidet man, dass Kindern die Decke auf den Kopf fällt?
Es sollten in der Familie feste Rituale für jeden Tag entwickelt werden. Gemeinsam aufstehen, sich anziehen, frühstücken gehört dazu, wie auch Zeit für Schule oder Homeoffice der Eltern. Festlegung der Zeiten für Medienkonsum ist wichtig, ebenso für gemeinsames Spiel und eine Zeit, in der jeder mal allein sein kann. Eltern sollten auch auf sich achten, nur dann können sie sich auch um die Kinder kümmern.
Besteht nicht auch das Risiko, dass sich bestehende Familienkonflikte nun zuspitzen, wenn alle zusammenhocken und vielleicht sogar Existenzsorgen drücken?
Ja, natürlich! Je nach Alter der Kinder und Jugendlichen, sollten sie von den Eltern über deren Ängste aufgeklärt werden. Schuldzuweisungen sind wenig hilfreich und Kontakte zu den unter Umständen getrenntlebenden Elternteilen sollten ermöglicht werden, sodass man sich auch über die unterschiedlichen Familiensituationen informieren kann. Bei eskalierenden Situationen sollten unsere genannten Anlaufstellen aufgesucht werden.
Jugendliche gehen oft unbekümmert mit der Situation um, treffen sich trotzdem in Gruppen, feiern sogar Coronapartys.
Für naturgemäß eher rebellische Jugendliche ist es natürlich derzeit auch eine spannende Zeit: Man gewinnt fast den Eindruck, es handele sich um eine Art "Katastrophentourismus". Sie schauen sich das fasziniert an, was draußen passiert, in dem Glauben, sie seien unsterblich. Das Ganze vor dem Hintergrund, dass es für sie auch tatsächlich schwer ist mit den weggebrochenen Strukturen, wenn auf der anderen Seite nur das beengte Elternhaus wartet, aus dem man sich ja eigentlich gerade wegbewegen will. Appelle und Drohungen führen selten zu Verhaltensänderungen. Die Eltern sollten versuchen, sie auf der intellektuellen Ebene anzusprechen, insbesondere aber zu versuchen, die Stärken ihrer Kinder zu betonen und zu stärken. Du kannst dies und das ganz toll, wie könnte man es einsetzen, damit diese Krise für Dich und uns oder auch für die Allgemeinheit besser zu meistern ist?